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11:34 Sonntag, 12. Januar 2003
... Stadtwerke im Glück
Wenn der Journalismus die Karikatur des Geistigen, und der Lokaljournalismus die Karikatur des Journalismus ist, so ist die "Speyerer Tagespost" die Karikatur des Lokaljournalismus gewesen – jedenfalls zum Schluß, nach 50 Jahren, in denen auch Besseres möglich war. Auch die Mitarbeitern, denen das Letzte abverlangt und das Hinterletzte geboten wurde, kümmert das Lehrstück letztlich nicht.
Abermals ist die ökonomische Heilslehre empirisch falsifiziert: Überstunden-Flexibilisierung nach oben und Gehalts-Deregulierung nach unten haben nichts gebracht. Zum 31.12.02 verloren alle 16 feste und 14 freie Ma. den Job. Die Mannheimer Haas-Gruppe ("Mannheimer Morgen"), schon in der Großen Zeit 1000 Jahre lang in ebenso erfolgreichen wie leicht intransparenten Geschäften tätig, hat nach 50 Jahren den Laden dichtgemacht. Der Beschluß hierzu war im Juni wegen "wirtschaftlicher Schwierigkeiten" gefaßt und verkündet worden. Daraufhin brachen hektische Aktivitäten aus: - "Nicht betteln, sondern überzeugen!" war das Motto, das den Freien Mitarbeitern ja früh einfiel. Sie wollten ein Blatt erhalten, "dessen lokale Berichterstattung in der Region seinesgleichen sucht." Über vier Wörter das Genus nicht durchzuhalten, überzeugt jedenfalls den Grammatiker nicht. Und die affirmative Widerspiegelung drögester Vereinsmeierei bringt auch "The Rheinpfalz". - Die Zusteller, die armen Teufel, machten eine Flugblattaktion. - Der Verleger erklärt, das Blatt fortzuführen, wenn 4500 neue Abos kommen. Es waren dann 230. - Der lokale AXA-Versicherungshampel nutzt die Malaise zu Reklamezwecken, indem er in der Öffentlichkeit herumtönt, die Tapo müsse erhalten werden. - Die käsige Postille wird als "kultureller Besitzstand wie der Dom" (nicht: 'wie der Don' ;-)) gefeiert. - Der Anführer der Zusteller verfällt in Raserei und meldet vermeintlich unseriöse Abwerbungen von Tapo-Abonnenten und Zustellern durch die "Rheinpfalz" dem Deutschen Presserat und dem Landesbeauftragten für Datenschutz, die es ihm aber nicht abkaufen. - Statt über investigative spannende Qualität nachzudenken, steigert man in einer Krisensitzung die hündische Unterwerfung unter die "Geschäftswelt" und beschließt, die redaktionelle Berichterstattung noch stärker mit dem Anzeigengeschäft zu koppeln. - Es sollen Abos gewonnen werden mit "coolen Aktivitäten" in – dem Nörgler bis heute unbekannten – "Speyerer Szenelokalen". - Der Karikaturist will am Werbestand der Zusteller jedem neuen Abonnenten eine kostenlose Karikatur zeichnen. - Ein "Förderverein Freie Presse", die pfarrergeleitete Bürgerinitiative "Arbeit für Alle" und der örtliche DGB protestieren und initiieren. Ein "Sprecherrat" beschließt, den Behörden, dem Einzelhandelsverband, Hotel- und Gaststättenverband, Mandatsträgern, Betrieben, Vereinen und Verbänden auf die Nerven zu gehen. - Die Personalvertreter von 37 Betrieben wollen vor Ort .. in den Betrieben .. - Der DGB plappert was von der Gefahr einer Monopolstellung der "Rheinpfalz". Das Gegenteil ist der Fall. Noch dem, sagen wir mal: anspruchslosesten Lokaljournalisten geht die sog. "Terminberichterstattung" (Vereine, Feste, Spendenscheckübergabe in der Bank) auf den Sack. Wenn das Konkurrenzblatt nicht mehr existiert, wird es möglich, diesen zeit- und platzraubenden Mist zurückzufahren. - Die Fraktion der Grünen im Böhl-Iggelheimer Gemeinderat, bekannt aus dem Roman "Jesus kam nur bis Böhl-Iggelheim", erringt eine Resolution. Angesichts der errungenen 230 neuen Abos bekräftigt die Geschäftsleitung im Oktober die Einstellung und dankt allen für das tolle Engagement. Diesen durch gecancelten Unsinn erzielten Fortschritt der Kultur beklagt der DJV am 19. Juni als einen "schmerzlichen Verlust an publizistischer Vielfalt" und als "weitere Verödung der einst so lebendigen Zeitungslandschaft in Rheinland-Pfalz." Das sagt der DJV-Landesvorsitzende, und er darf das auch in "The Rheinpfalz" sagen, weil er Redakteur der Lokalredaktion Speyer ist – während in der Anzeigenabteilung die Korken knallten und durch die Redaktion ein klammheimliches Aufatmen ging. Das Online-Archiv der Tagespost wird durch die "Speyer-Net AG" (ich konnte bislang noch keinen Boo rauspressen) weiterhin bereitgestellt und von den Stadtwerken finanziert. So finden wir etwa den Artikel vom 8.11.02 "Stadtwerke geben Gas mehr Geruchsstoffe bei", was, da judenfreundlich, sympathisch wirkt. Doch mit dem Beginn des Archivs am 6.7.99 haben sie Glück. Die Stadtwerke-Äffäre (Speyergate) war vorher: Finanzmanipulationen, nächtlicher Einbruch mit Aktenraub, Zeugen widerrufen per eidesstattlicher Versicherung vorhergehende EV, andere Zeugen sterben auf merkwürdige Art zum richtigen Zeitpunkt, mittendrin ein korrupter Stadtrat – alles bis heute unaufgeklärt. Die Tapo hatte sich in der Sache das Kreuz gebrochen und jeden Kredit bei den Lesern verspielt, weil ein überforderter Redakteursdarsteller beweisfreie namentliche Anschuldigungen erhob. Der Verleger stellte sich erst öffentlich hinter ihn und feuerte ihn kurz darauf. Von diesem Desaster hat sich die Zeitung nie mehr erholt. Wenn ein Lokalblatt untergeht, sind die Ursachen immer die gleichen: Zunehmende Dominanz der Anzeigenhausierer, Unfähigkeit der Redaktion zu interessanten Investigativgeschichten, und ein Marketing, das auf Steckschlüsselsätzen und Espressomaschinen beruht. Quelle: http://www.tagespost-speyer.de
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Re: 'Tagespost' eingestellt: DJV quengelt, 'The Rheinpfalz' heuchelt, Stadtwerke im (ossip)
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