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10:41 Sonntag, 29. Dezember 2002
und eine Welt entfernt, in der Provinz, geht alles seinen ruhigen Gang und meine Wenigkeit zum Wochenmarkt. Beim Gemüse kommt mir ein Hals unter kurzen, dunklen Haaren bekannt vor, und tatsächlich - diejenige, die Paprikas auswählt, hat mit mir Abitur gemacht.
Gleicher LK, gleich mies in Mathe, danach nur noch ein paar mal gesehen, na so eine Überraschung, hallo Margot. Auch wenn es klingt wie meine Oma: Sie ist immer noch auf eine vertrackte Art grandios, sie hat sich kaum verändert, und ich - weniger grandios - wohl auch nicht. Ich halte ihre Hände und gucke, ob da irgendwo ein Ehering ist, denn nichts verunziert alte Erinnerungen mehr als ein dröger Ehemann. Nichts zu sehen. Glück gehabt.
Sie sagt, sie hat mich vermisst beim Abijubiläum, aber ein Bekannter hat meine Story erzählt: Dass ich an dem Tag im Ausland war, dass ich in der Weltgeschichte rumgurke und aus mir gleich mehrfach was völlig anderes geworden ist, als ich geplant hatte. Damals im ockergelben Gymnasium am grossen, trägen Fluss - aber zumindest habe ich es raus aus der Provinz geschafft. Von den 120 Leuten damals haben gerade mal 3 eine Bio bei Google, haben sie auf dem Jubiläum gesagt; ich bin der einzige auf der Liste mit einer .org-Mail. Fast alle anderen konnten damals übrigens mit dem Rad zum Treffen fahren; sie sind meistens wieder da, die Provinz hat sie wieder eingesammelt wie die Strassenreinigung Blätter im November. Der diskrete Charme der kleinen Stadt spricht aus ihren Worten und lotet aus, ob die Provinz auch noch in mir steckt. Als ich nicht reagiere, kommt die Frage direkt; weil ich jetzt da bin, bin ich doch wieder zurückgekommen, für länger? Nein, sage ich, ich war nur über die Feiertage der anderen da, und habe auf die Katze aufgepasst. Du warst schon immer ein Paradiesvogel, Don. Irgendwie würde eine gerade Bio auch nicht zu Dir passen. Aber das haben wir auch bei Julia gedacht; die war nämlich da auf dem Treffen und klang damals noch recht zuversichtlich, dass sie in München bleiben würde, und jetzt... Und dann erzählt Margot, dass Julia wieder da ist, so ziemlich die einzige, die es wie ich auch raus geschafft hat aus der Provinz, in einen schillernden Beruf. Der andere Paradiesvogel, die einzige, die es in der K13 wie ich zur Arztpflicht bei den Absenzen geschafft hat. Mit Julia war Margot gestern Nacht auf der Piste, und Julia hat erzählt, dass sie jetzt erst mal in der Provinz bleibt. Bei ihren Eltern. Weil sie nämlich bei der Süddeutschen gegangen wurde. Moment, sage ich, wann denn? Jetzt, im Dezember, meint Margot, da hat man sie vor die Wahl gestellt, entweder freiwillig zu gehen oder gefeuert zu werden, so oder so könne man sie nicht halten. Und das, obwohl sie im Lauf des Jahres so gut wie alles getan hat, um sich in der Krise anzupassen, weniger Geld akzeptiert, mehr gearbeitet, aber irgendwie wollte man kurz vor Weihnachten nochmal ein paar Leute loswerden. Nicht viel, aber auf die Weise hat man halt eine niedrige zweistellige Zahl rausgekickt, mit den Worten, sie würden doch überall was finden. Leute ohne Hausmacht. Und das soll im Januar nochmal schlimmer werden, weil es im Verlag zwischen den Gesellschaftern mal wieder kracht. Was im Moment in München passiert, klang nach ihren Worten ziemlich schlimm, Don. Und wie geht es Dir dort? Ich will gerade ausholen, da kommt ein Typ mit Blue Jeans, blauer Windjacke, fetten Handschuhen, Lennonbrille und dünner, blauer Mütze auf uns zu. Margot stellt ihn mir vor. Ihr, hm, Mann, was immer das heisst. Sehr erfreut, Alphonso Porcamadonna. Ich fange an, was über die Munich Area zu erzählen, aber es nervt den Kerl. Nach einer Minute geht er dazwischen und erklärt, dass es ja so kommen musste, und dass er das schon lange gesehen hat. Er kennt sich nämlich aus. Er weiss, was gut und richtig ist. Die Leute wollen kein Internet oder New Media, sie wollen Sicherheit, Häuser, Kinder und für die wiederum einen Garten. Er versteht sowieso nicht, wie man in München leben kann, da ist alles laut und die Leute sind arrogant, kein Wunder, dass dort nur Singles sind. Lauter Verhaltensgestörte, deshalb machen die alles über Email und Chats. Meine Einwände interessieren ihn nicht. Ich soll einfach mal eine Weile hier sein, dann würde ich das schon verstehen. Man braucht nämlich eine Heimat, und das kann so eine Grossstadt nicht sein. Er war ja auch in München beim Studieren, Maschinenbau, er hat es gehasst, aber jetzt ist er hier und kann nur lachen über diese Stadt, die jetzt endlich aufs Maul fällt. So richtig. Die Provinz hat gesiegt. Margot fühlt die Peinlichkeit der Situation, aber sie tut nichts. Ich sage, ich muss weiter, aber sie soll mich doch anrufen, und gebe ihr meine Karte. Der Kerl grinst schief dazu, als er darauf die Organisation und den Titel liest. Ich bin in seinen Augen der Inbegriff des Fremdkörper, der Andere, die Bedrohung, aber ich werde auch noch fallen, da ist er sich sicher. Dann schaut er genervt durch die Gegend, als ich mir das Recht herausnehme und Margot nach diesen langen Jahren zum Abschied umarme. Ruf mich an, bitte, ich bin nächstes Wochenende da, sage ich ihr. Leise. Wochenende ist immer schlecht, sagt sie, auch leise. Am besten unter der Woche, tagsüber. Und dann sehe ich zu, wie sie gehen und er mit seinen Wurstfingern auf ihrem schlanken Hals rumpatscht. Der Trottel. Es ist mit der Provinz wie mit intensivem Käse, sagen wir mal, Saint Ceols: Wenn man zuviel auf einmal nimmt, kippt der Geschmack um und wird unerträglich. Es wird mir hier zu sauber, ich setze mich in den Wagen, lasse die Raketen von Tokio kreischen und jage zurück in den Moloch der Munich Area. In das betonversiegelte Zentrum des Bösen, wo die Nacht nicht enden will, wo die Frauen statt Männer ein nettes Alkoholproblem haben, wo sie nachts um drei auf den Sofas weinen und kein Garten und keine Vorstadt künstliche Paradiese der Kleinbürger erfindet. Dorthin, wo das Scheitern und der Untergang akzeptierte Regeln des Spiels sind und das Verglühen die eheliche Wärme ersetzt. Wo der Alptraum offensichtlich ist und man schnell stirbt, und nicht irgendwann 60 Jahre später unbekannt verlischt. Vergiftet sind dort die Träume, und der Selbstbetrug ist grandios. Es ist alles eitel, es ist Lüge, und wir gehen dabei drauf, zum Teufel mit uns und allen anderen, aber immer noch besser als die schale Langeweile, die Sicherheit über dem Rasen des Vorgartens, unter dem mein Jahrgang seine Erwarungen ans Leben verscharrt hat. Wir Anderen, wir Fremden sterben an unserer eigenen Hybris und an der falschen Ernährung, wir haben Anorexie und ein Tablettenproblem wie die Trottel der Provinz Fettleibigkeit und Gewohnheitssäuferei, wir sind schnell und die sind langsam, vielleicht gehen wir unter, oder finden das neue Goldene Zeitalter, aber wir schiessen uns hier selber raus und warten nicht nur auf das Ende. Oder so, Margot. Viel Spass mit dem Trottel, der nicht begreift, warum Du überhaupt mit mir redest oder mit Julia weggehst. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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