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20:15 Sonntag, 15. Dezember 2002
Wenn eine Kultur untergegangen ist, kommt sie zuerst mal eine Weile unter die Erde, bis dann jemand kommt, um sie einzustampfen oder sie ins Museum zu verfrachten. Das mit dem Einstampfen kommt in den besten Familien vor: Der berühmte Pergamonaltar aus dem 2. Jh. v.u.Z. wurde erst als Teil einer byzanthinischen Mauer missbraucht und sollte dann in einen Kalkofen zu Baumaterial gebrannt werden. Dort wurde er dann von einem Archäologen gerettet, nach Berlin gebracht und letztlich im Pergamonmuseum ausgestellt.
Lanu rettet mit Dotcomtod auch eine Kultur vor dem Kalkofen des Vergessens. Insofern hat es schon seinen Sinn, sich dort zu treffen, und über die Zukunft von Dotcomtod zu sprechen. Lanu, kein Mensch weiss, wer Du bist, aber so ziemlich alle, die sich mit New Economy auseinandersetzen, kennen Dich. Reizt es Dich nicht manchmal, Dich zu outen, einfach wegen des Knalleffekts?
Nein. Warum nicht? Weil ich als Lanu genug nette Sachen zu hören bekomme, und weil ich nicht besonders eitel bin. Glaube ich. Und diese öffentlichen Personen im Internet finde ich, ehrlich, blöd. Ich stehe auch nicht gerne im Mittelpunkt. Das mit der Bekanntheit ist einfach passiert, aber ich bin immer auch irgendwo froh, wenn ich den Rechner ausmache und wieder ich selber bin. Bist Du mit Dotcomtod und der Entwicklung zufrieden? Puh--- Ja, weitgehend schon. Dotcomtod ist bekannt, es ist nicht ohne Einfluss; wer etwas über die New Economy wissen will, kommt nicht an uns vorbei. Die Qualität der Beiträge wird immer besser, und das wichtigste: Es gibt immer noch viele Neuigkeiten, auch wenn es kaum noch Dotcom-Medien gibt. Dafür kommen mehr Insider, und entgegen meiner Befürchtungen haben sich auch die Insolvenzlisten als gute Quelle erwiesen. Was ganz lustig ist: Obwohl der Medienhype rund um Dotcomtod und Frogdesign vorüber ist, wachsen wir stetig weiter. Das ist ein gutes Zeichen, oder? Wir haben unser Trollproblem gelöst, und die Community kann sich publizistisch wehren. Aber trotzdem, ein bisschen peppiger könnte es schon noch werden... ... ich schreibe die versprochene Kolumne, Ehrenwort. Was sind die Perspektiven von Dotcomtod? Du fragst Sachen... Also, so wie es aussieht, wird Dotcomtod ein Internetprojekt bleiben. Bei der Cloaca Maxima gibt und gab es Probleme in der Umsetzung, wie bekommt man einen Verlag, und so. Für normale Medien sind wir zu wenig nett, schliesslich wollen die Anzeigenkunden. Ausserdem fehlte oft der nötige Ernst, um derartige Ideen zu verfolgen. Was die Organisation angeht, überlegen wir uns, ob wir Dotcomtod nicht auf solidere Füsse stellen sollten; in Deutschland gründet man für sowas traditionellerweise einen gemeinnützigen Verein oder Freundeskreis. Wir grübeln aber noch. Mhm, sagte ich und bewunderte die schlanken Frauenkörper des Telephosfrieses, die an der Innenseite des Pergamonaltars sind, so zart und köstlich. Wie erlebst Du Dotcomtod zur Zeit? Man hat sich an uns noch nicht gewöhnt, und das ist auch gut so. Wir sind nicht das Establishment. Lustigerweise gehören wir trotzdem zum Inventar; man guckt eben am Morgen zu Spiegel, Heise und Dotcomtod. Ich würde es so sagen: Viele lieben uns, manche hassen uns, wir lassen keinen kalt, und wir sind als Archiv und Informationsquelle unverzichtbar. Was Dotcomtod ist, muss jeder selber wissen. Auf jeden Fall das einzige freie Forum zur Diskussion über das, was war und was wird. Vorbei - wie viele das geglaubt haben - ist es noch lange nicht. Das grosse Jammern ist am Ende, der nächste Hype steht bevor, und da wird man uns brauchen. Was wünschst Du Dir zu Weihnachten für Dotcomtod? Mehr mutige Leute. Mehr innovative Texte. Mehr Insider. Mehr Frauen. Weniger Streit. Mehr Einsichten. Mehr Abwechslung. Noch mehr Esprit und Witz. Die Leute sollten mehr aus sich rausgehen. Manchmal ist es schon komisch, da kommen ein paar hundert Leute und gehen, ohne ein Wort geschrieben zu haben. Das ist was typisch Deutsches, aber trotzdem.... Und dann wünsche ich mir, dass alle Sentinels wissen, wie stolz ich auf sie bin, und wie dankbar für die Leistung hier bei Dotcomtod. Danke für die schönen Stunden, Lanu. Wir gingen noch eine Weile durchs Museum, und ich zeigte Lanu das babylonische Löwentor. Oder besser, ich zitierte aus dem Buch, das Christen fälschlicherweise das "Alte Testament" nennen, weil sie glauben, mit Jesus wäre der Messias gekommen, und ausserdem müssen sie ja auch das Werk seiner Jünger irgendwo unterbringen, weswegen man das "Neue Testament" angehängt hat. In dem Buch, das eigentlich "Tenach" heisst, steht viel geschrieben über die Stadt Babylon, aus der dieses Tor stammt, denn zu allen Zeiten schien sie unbesiegbar, und von dort kamen Schergen und Bedrücker in das armseelige Bergland hinter dem Küstenstreifen, kurz vor Ägypten. Und trotzdem war sich dieses - aus Sicht der noblen Babylonier unzivilisierte - Völkchen in den Hügeln Galiläas sicher, dass der H´rr kommen würde und hinwegfegen Babylon, wie er es schon getan hatte mit Assur und Ninive, und wie er geschlagen hatte die Amalekiter und Philister. Als das babylonische Reich dann tatsächlich zusammenbrach, dürfte die Überraschung so gross gewesen sein wie bei einem Nemax von 300. However; ohne die berühmten Flüche aus dem Bergland gegen Babylon wäre das Löwentor wohl kaum so berühmt geworden. Allerdings ist es nur noch ein Haufen nutzloser, bunter Schrott in einem Museum. Das Buch mit den Beschimpfungen gegen Babylon hingegen wird immer noch benutzt. Vielleicht, wenn man die New Economy ausgräbt, wird man das auch tun, weil sie durch Dotcomtod im Gedächtnis geblieben ist. Aber wer mag schon sagen, was vor dem Sturm der Zeiten Bestand hat? Nur der, der auf den H´rrn vertraut. Sagt das Buch, als ich es auf dem Heimweg im Zug befrage. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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