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10:38 Samstag, 23. März 2002
Tja, "wir brauchen keinen Betriebsrat, wir sind doch alles eine große Familie" - so tönte es aus all den selbstausbeuterischen New Economy-Klitschen.
Als das Geld aus war, ging dann das große Heulen los, wenn nach dem Klobesuch zum Pieseln plötzlich der PC und Schreibtisch zugesperrt waren und der Sicherheitsbeamte beim Weg zur Tür behilflich wurde...
Doch nun hat sich Premiere Ex-World als vollwertiges Mitglied der New Economy geoutet: In München hatte man nämlich auch keinen Betriebsrat. Und so habe die 90 Mitarbeiter, die zuerst die Papiere bekommen, Pech: Gerade das gesetzliche Minimum von 0,5 Monatsgehältern pro Jahr Beschäftigung werden sie bekommen. Solange ist schon mal der Netzzugang abgestellt. In Hamburg war man dagegen aufmüpfig und hatte einen Betriebsrat. Deshalb läuft es dort widerwillig anständig. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (DonAlphonso)
Ich kann da nicht wirklich Mitleid haben. Nach vor drei Wochen waren sich da alle sicher, dass es gar nicht sein KANN. Todsicher. Warum sollen immer die Dummen überleben?
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (Peter_H)
Das haben doch nicht "alle", sondern nur die PR-Leute gesagt, die bei Leo was sagen dürfen. Deren Sessel bleiben erhalten. Das gemeine Fußvolk, das an der Hotline die aufgebrachten Abonnenten beruhigen darf, wenn die D-Box mal wieder nicht geht oder das Programm Scheiße ist, sagt sowas höchstens, weil es Anweisung ist.
Kann Dir nur in dem Punkt Recht geben: Wer in eine Firma ohne Betriebsrat geht, sollte rechtzeitig für schlechte Zeiten sparen (aber nicht in Aktien des Arbeitgebers!!!). "Selbst schuld" ist aber etwas hart, wer zwischen "kein Job", "ein Job bei Startup" und "ein Job beim Fernsehn" zu wählen hat, wird sicher Premiere gewählt haben. Hätte ich auch. Gottseidank hatte ich bessere Optionen :-)
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (DonAlphonso)
No, Sire. Ich meine einen bunten Querschnitt, alles mit dabei und dem uns-kann-nix-passieren-Spirit. An die konnte man sich den Mund fusslig hinreden, man konnte Infos durchsickern lassen, egal was, keine Reaktion.
Die hielten sich für unkündbar, und Gewerkschaft/betriebsrat war verpönt. Man hatte genügend Zeit, es zu ändern, und hat es nicht getan.
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (Peter_H)
Tja, wenn man den Kas lang genug wiedergeschwatzt hat, glaubt man halt irgendwann selbst dran. Wie Nörgler sagt, typische NE-Seuche, das "wir sind was besseres und wir brauchen keinen BE", aber eben nicht auf NE beschränkt, gabs auch schon vorher. Ich denke da mal an Borland/Heimsoeth, "die netteste Firma Münchens" mit coolen Partties mit dem Cheffe bis zu dem Tag, an dem plötzlich die Hälfte die Papiere bekam.
Der Cheffe, der Herr Heimsoeth, hat übrigens heute noch das Haus, in dem einst die Firma war - der Lindwurmhof - und legte in der Disco im Erdgeschoß auch noch des öfteren auf. Früher hatte er auch mal eine Plüschdisco (Babalu). Die völlige Pleite hat er also vermieden. Das hat er den NE-lern voraus. Aber Microsoft hats damals gefreut. Sie bekamen viele neue Leute...
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (noergler)
Wer seinerzeit etwas über die Notwendigkeit von BR und Gewerschaft gesagt hat, wurde von den späteren Opfern von oben herab als Idiot verlacht, der den neuesten Stand noch nicht ganz mitbekommen hat. "Wir haben eine andere Ökonomie" war der Spruch dazu.
Seit 200 Jahren hat sich an der Ökonomie kein Deut geändert, das werden sie jetzt wohl begriffen haben.
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (DonAlphonso)
zu spät....
Das kommt davon, wenn man statt dem Kapital von Marx das Capital von Gruner+Jahr liest.
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (Tomahawk)
Bei allem Respekt vor Don und dem Rauschebart aus Trier: Ich halte sowohl "Das Kapital" als auch "Capital" für Gebetsmühlen, die Illusionen für Traumtänzer liefern.
Zu seiner Zeit, na klar, war Marx wichtig, und er hat auch weit mehr bewegt als seine Dienstmädchen, die er gern schwängerte; aber seine Erben haben ihn allesamt verraten. Heute ist er so was wie die Gartenlaube der Sozialmafia, die in allen Parteien nur ihr eigenes Süppchen kocht und niemals das der Menschen, deren Wohl zu verteidigen sie uns lautstark vorgaukelt. "Capital" hat ein linderes Schicksal: Das Blatt verrät sich selbst, wird keine Fahnenträger haben, also auch nicht verraten werden. Die Zeit der Gaukler geht, wie wir wissen, allmählich ihrem Ende zu.
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (noergler)
Zeit der Gaukler geht zu Ende? Dann wird DCT ja auch bald dicht gemacht. Aber solange noch das Erlösungsdogma "Deregulieren, Privatisieren, Globaliseren" verkündigt wird, sehe ich das nicht.
Dienstmädchen schwängern, das klingt nach großbürgerlichem Haushalt, und der war bei den Marxens wahrlich nicht angesagt. Illusionen, und auch moralisierende Kritik, finden sich im Frühwerk, auch noch im "Komm. Manifest". Im "Kapital" habe ich keine mehr gefunden. "Gartenlaube der Sozialmafia", wer denn? Es beruft sich doch niemand mehr auf ihn. Man läßt ihn in Ruhe, und das ist besser so.
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (Tomahawk)
Lieber noergler,
die Dienstmädchen sind unwichtig, aber Tatsache. (Ich steh' nicht wirklich drauf, Werk und Privatleben von Schreibern und Philosophen zu verquicken, aber der Schlenker bot sich an.) Karl Marx führte tatsächlich einen großbürgerlichen Haushalt, seiner Herkunft getreu. Er konnte seine Familie zwar nie ernähren, aber deren Unterhalt und Dienstboten wurden fast sein ganzes Leben lang von wohlhabenden Verwandten finanziert. Musst Du mir nicht glauben, und ich will hier auch keinen Link zu amazon.com legen: Aber Du findest diese Facetten seines Lebens in jeder Marx-Biographie und auch im Briefwexxxel zwischen Marx und Engels (der ebenfalls ein Großbürger war). Die Zeit der Gaukler geht natürlich nie vorbei; ich hab' mich patschert ausgedrückt. Ich meinte die Zeit der NE-Gaukler ... ... aber wahrscheinlich hast Du Recht: Auch die wird durch die blanke Gier der Menschen wohl noch für eine Weile am Leben erhalten. Aber gut so! Serengeti (Kürzel: DCT) darf nicht sterben! Uns allen würde etwas fehlen, oddärr?
Premiere: echt New Economy, kein Betriebsrat, 90 Kündigungen! (noergler)
In den Biographien, die ich kenne, und in den Zeugnissen von Freunden und Bekannten steht, daß die meiste der ärgste Mangel herrschte; der Arzt konnte nicht gerufen werden, wenn die Kinder krank waren; in England war Marx froh, wenn er im Monate so viel hatte, wie der elendeste Manchchester-Arbeiter. Unter ungeheueren Anstrengungen versuchte man dennoch, den Schein eines bürgerlichen (nicht: großbürgerlichen) Haushaltes aufrecht zu erhalten.
'In Saus und Braus leben, aber sich dann noch über den Kapitalismus beschweren' - das ist nicht Marx' Realität gewesen.
Premiere: echt New Economy, including Old Marx (Tomahawk)
Lieber noergler,
ich freu' mich ja echt, einen kundigen Mitwisser zu haben. Buenas noches, Du hast ja Recht, min Dschong! O.K., man will ja immer kurz und konzis bleiben, weshalb man vieles vereinfacht. Ich korrigier' mich bezüglich der anderthalb Jahrzehnte in London, die ein Drittel von Marx' aktiver Zeit ausmachten; aber auch dort empfing der Meister freundschaftliche Hilfe. Folgt ein Zitat aus der "Encyclopedia Britannica" (DVD version, 2001), die Du hoffentlich als vertrauenswürdig anerkennen wirst: From 1850 to 1864 Marx lived in material misery and spiritual pain. His funds were gone, and except one occasion he could not bring himself to seek paid employment. In March 1850 he and his wife and four small children were evicted and their belongings seized. Several of his children died -- including a son Guido, "a sacrifice to bourgeois misery," and a daughter Franziska, for whom his wife rushed about frantically trying to borrow money for a coffin. For six years the family lived in two small rooms in Soho, often subsisting on bread and potatoes. The children learned to lie to the creditors: "Mr. Marx ain't upstairs." Once he had to escape them by fleeing to Manchester. His wife suffered breakdowns. During all these years Engels loyally contributed to Marx's financial support. The sums were not large at first, for Engels was only a clerk in the firm of Ermen and Engels at Manchester. Later, however, in 1864, when he became a partner, his subventions were generous. Marx was proud of Engels' friendship and would tolerate no criticism of him. Bequests from the relatives of Marx's wife and from Marx's friend Wilhelm Wolff also helped to alleviate their economic distress. Marx had one relatively steady source of earned income in the United States. On the invitation of Charles A. Dana, managing editor of The New York Tribune, he became in 1851 its European correspondent. The newspaper, edited by Horace Greeley, had sympathies for Fourierism, a Utopian socialist system developed by the French theorist Charles Fourier. From 1851 to 1862 Marx contributed close to 500 articles and editorials (Engels providing about a fourth of them). He ranged over the whole political universe, analyzing social movements and agitations [...] Die Kiste mit den Dienstmädchen und den wohlhabenden Verwandten (die erst aufhörten, Karl zu unterstützen, als ihnen seine und Engels' Thesen zu aufrührerisch wurden) lässt sich ebenfalls belegen ... Aber lass gut sein fürs erste. Herzliche Grüße, Tomahawk
Premiere: kleine Verlustrechnung (deathrow)
nur 90 kündigungen...
machen wir doch mal eine rechnung auf: Basis: 2,2 mio voll zahlende abbonenten Einnahmen/Ausgaben pro Monat (geschätzt) Abos 55.000.000,00 € Mitarbeiter -12.000.000,00 € (2400) Technik -5.000.000,00 € Lizenzen -90.000.000,00 € dBox Zuschuss -5.000.000,00 € Ergebniss pro Monat -57.000.000,00 € selbst wenn Premiere die Mitarbeiter auf eine Besetzung von ca. 300 Mitarbeitern runterfährt bleibt immer noch ein Fehlbetrag von ca. 45 Mio Euro im Monat. Also was soll die Diskussion... Basis sind die offiziellen Verluste von 2 Mio Euro pro Tag |
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