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09:27 Montag, 18. März 2002
Irgendwie hat es die versammelte Wirtschaftspresse ein Jahr lang
geschafft, von den ersten FAQs an Lanu zu zehren. Die Antworten wurden abgeschrieben, kopiert, und sind inzwischen schon fast ein Stück kollektives Gedächtnis der New Economy. Aber langsam, hört man, gehen die Zitate aus. Alle möglichen Leute, die mich als Don Alphonso kennen, löchern mich mit Detailfragen. Vielleicht sollte man Antworten geben, dachte ich mir und icqte Lanu an. Sie wollte nicht. Sie wollte auf diese bestimmte Art nicht, die einem
verrät, dass da noch was ist. Nicht billiges Fishing for Compliments, sondern was Tieferes. Offen gesagt, ich bekam einen glatten Korb, Grösse XXL. Sie gab sich bei den Ausflüchten und Vorwänden noch nicht mal Mühe. Nur ein Nö. Punkt. In der Nacht darauf fiel mir der etwas längere Disput über die Prinzessin ein. Die Königin von Dotcomtod mag keine Prinzessinnen, schon gar nicht mit mir beim Essen. Tags drauf fragte ich anders: Wie es denn wäre, ich wäre am Wochenende zufällig in Berlin, vielleicht könnte ich sie ja in ein Thai-Restaurant ihrer Wahl einladen? Sie sagte schneller zu, als ein Berater das Wort "Stundensatz" über die Lippen bekommt. Ich log also meine Schwester an, dass mein Auto zum Kundendienst muss, lieh mir ihren Sportwagen aus und donnerte wie die Seele eines Verdammten durch den frühen Abend nach Berlin. Um es kurz zu machen: Ja, der Thai war exzellent. Ja, Lanu ist eine eigenwillig schöne Frau. Nein, die Kinder waren nicht dabei. Nein, man würde sich "die" Lanu wahrscheinlich anders vorstellen. Sehr viel tougher, härter und zynischer. Sie ist eigentlich eine sehr Nette. Sagt sie selbst. Stimmt auch. Also: Ein hervorragendes Restaurant, gegen 2 Uhr morgens. Irgendwo hinten schrilles Gekreische erfolgreicher Menschen. An einem kleinen Tisch sitzt eine Frau in einem dezenten Kleid und ist schon leicht betrunken, mit einem satten Timbre in der Stimme, und die Kerze vor ihr ist schon ziemlich weit unten. Und gegenüber ein Rindvieh der Munich Area in einem rabenschwarzen Anzug, das dumm genug ist, diese Stimmung mit seinen Fragen zu ruinieren. Das Rindvieh bin ich. DA: Lanu, was sagen eigentlich Deine Kinder dazu, dass ihre Mama Lanu ist? Lanu: Die lachen sich kringlig. Und finden es grossartig, solange sie nicht selbst an den Rechner zum chatten wollen. Da gibt es inzwischen Interessenskonflikte. Ansonsten stehen sie zu mir. DA: Hat Dotcomtod Dein Leben verändert? Lanu: Ja und nein. Natürlich kostet es Zeit, Dotcomtod zu betreiben. Es ist sicher mehr als nur ein Hobby. Was sich geändert hat, ist mein Zugang zu gewissen Erscheinungen. Ich bin sehr viel respektloser gegenüber den Medien geworden, nachdem ich täglich erlebe, wie die arbeiten. Ich habe das meiste an Ängsten und Sorgen verloren, die ich früher wegen DCT hatte. Und ich lasse mir weniger gefallen. Ich habe gelernt, dass man manchmal entschieden auftreten muss. Ich hoffe, dass ich trotzdem noch so viel Menschlichkeit wie möglich einbringen kann. Schliesslich soll DCT ja auch ein Ort sein, an den man gerne kommt. Der Rosé ist lecker. DA: Herr Ober, könnten wir bitte noch einen Rosé haben? Bist Du mit der Entwicklung von DCT zufrieden? Lanu: Nach den Aufregungen um Frogdesign im Dezember hat sich alles wieder beruhigt. Wir haben gute Userzahlen; für ein Non-Profit- Projekt ohne Marketing und Werbung sind die Zahlen sogar exzellent. Oder? (Das Rindvieh nickt bestätigend) Wichtiger als die reinen Clickzahlen ist mir, dass die Leute uns kennen. Wenn es in ihrer Company eng wird, wissen sie, wo es Informationen gibt, oder wo sie die Meinung sagen können. Was mich stolz macht, ist die Glaubwürdigkeit von Dotcomtod. Wir haben nicht nur das beste frei zugängliche Archiv zum Niedergang der deutschen Internetwirtschaft. Wer heute was über Startups schreibt, kommt an Dotcomtod nicht vorbei. Mitte 2001 endet die konsequente Berichterstattung in den meisten Medien, ausser bei uns. Auf lange Sicht beherrschen wir damit die Erinnerung an den Hype. In Amerika ist das übrigens anders: Da hat man als Gegenstück zu Fuckedcompany die Artikel vom Industry Standard trotz dessen Pleite online gelassen. DA: Vor über einem Jahr war DCT nur was für ein paar Dutzend Eingeweihte. Der Markt wurde von Business 2.0, Net-Business, E-Market, Horizont und E-Business beherrscht. Die sind jetzt alle weg oder neu ausgerichtet. DCT geht´s besser als je zuvor. Lanu: Es ist schon etwas unheimlich, wenn die Multimillionen- Blätter einfach verschwinden, und man selbst profitiert davon. Die Bedarf an Information ist ja immer noch da. Aber in allen Krisen der letzten Jahrhunderte hat das Flugblatt die Zeitung und die Broschüre das Buch geschlagen. DCT ist ein digitales Flugblatt: Schnell, billig, knapp und prägnant formuliert. Ein Pamphlet gegen die Verlautbarungen der Obrigkeit. Ich glaube aber nicht, dass DCT direkt schuld am Niedergang der Konkurrenz ist. Auch die Überlebenden wie die FTD und das Handelsblatt haben die New Economy ganz schnell fallen gelassen, nachdem sie jahrelang keine Lobeshymne ausgelassen haben. Die Branche stirbt turbokapitalistisch an den eigenen Strukturproblemen. Gerade bei Wirtschaftszeitungen ist das nicht ohne Ironie. Keine Werbung, keine Einnahmen, keine Zeitung. Dazu kam noch der Hype in den Medienhäusern. Jeder wollte so ein schickes Blättchen. Es gab einfach zu viel von dem Zeug. Nenn es ursprüngliche Akkumulation nach Marx, nenn es Kannibalisierung... DA: Nimm doch noch ein paar Lychees, Lanu. Was sagst Du als Chefredakteurin zu Deinen Mitarbeitern? Lanu: Die Sentinellas und Sentinels sind grosse Klasse. Sie sind nur selten frustrierte Opfer der New Economy, wie das oft behauptet wird. Es gibt einen festen Stamm an Mitarbeitern, und eine ganze Reihe von Leuten, die sporadisch nette Geschichten schreiben. Die Opfer sind anders. Das sind Leute, die ein paar mal längere Stücke zu ihrer Company schreiben. Sie bringen viel Detailkentnisse mit und lassen einfach mal alles raus. Dann ist meistens Ärger vorprogrammiert: Andere Mitarbeiter beginnen zu diskutieren, und die Unternehmens-PR ist mitsamt Rechtsabteilung auch nicht weit. DA: Wie gefalllen Dir die Deathmatches Sentinels vs. PR? Lanu: Grossartig! Dann zeigt sich meistens, wie inkompetent PR ist. Sobald dagegen argumentiert, geschimpft oder gehetzt wird, bleibt von der netten Fassade nichts mehr übrig. PR wird als das entlarvt, was es ist: Der Versuch, freie Meinungsäusserung und Pressefreiheit durch eine ein Mischung aus Drohung und Korruption zu ersetzen. Zum Glück ist die PR oft dumm genug zu glauben, mit sowas bei DCT durchzukommen. Viele begreifen nicht, dass die Party vorbei ist. Dabei gibt es durchaus lobenswerte Ausnahmen. DA: Was hältst Du von den Arbeitern, den Workern in der New Economy generell? Lanu: So wie überall in totalitären Systemen. Viele Mitmacher, viele Kriecher, viele Wegseher, viele Spitzel, und der eigene Vorteil zählt mehr als jede Ethik. Wenn´s die Konkurrenz erwischt, wird gejubelt, wenn´s schiefgeht, ist es natürlich keiner gewesen, und der Markt ist schuld. Es gibt einige Mutige, ein paar echte Helden. Nur wenige leisten sich den Luxus, aufrecht zu gehen. DA: Und das Management und die Chefetagen? Lanu: Zu 90% infantile Krabbelstuben. Schlecht erzogene Blagen. Heulen, wenn sie ihr Dreirad an den Türpfosten setzen. Müssen dauernd jemand haben, der für sie aufräumt. Sind es nie gewesen, wenn was kaputt ist. Miserable Lügner. Wie kann man eigentlich so blöd sein, diese Hosenscheisser für voll zu nehmen? Don, sei mir nicht böse, ich bin ein bisschen betrunken und müde. Macht es Dir was aus, mich nach Hause zu bringen? DA: Gleich, eine Frage noch. Hast Du nicht Angst, selbst irgendwann zum Establishment zu gehören? Lanu: Nein. (Überlegt) Nein, wirklich nicht. Da müsste schon die Weltrevolution ausbrechen. Sie haben manchmal gelernt, mit uns zu leben. Als uns die Wirtschaftswoche zur Website der Woche gemacht hat, haben sie es noch auf einen Konflikt angelegt. Das letzte Mal war es schon eher zahm, fast entschuldigend. Aber als bei DCT wegen Frogdesign der Server zusammengebrochen ist, war überall sofort die Häme da. Den Nachruf auf DCT haben sie alle schon in der Tasche. Die kriegen feuchte Träume bei der Vorstellung, welche Schlagzeilen man draus machen kann. Sie wollen auch mal auf unseren Gräbern tanzen. DA: Es ist der Hass der Pudel auf die Wölfe. Danke für den Abend, Lanu Das Lokal war fast leer; nur ein paar Tische weiter warfen sich eine Blondine und eine Brünette an einen Mann mit Halbglatze ran. Der Typ erzählte lebhaft was von Jobvermittlung via Internet, die jetzt ganz gross kommen würde, und von einem Marketingkonzept. Die Blondine versuchte vergeblich, so ehrlich wie eine Prostituierte zu lächeln. Ich half Lanu in den Mantel und hätte dabei beinahe ihre fein geschwungenen Schultern berührt. Danach fuhr ich alleine über den Alexanderplatz. Im Boden unter mir dröhnten die U-Bahnen und liessen die zerbombten Mauern aus Preussens und Deutschlands Gloria erzittern. Auf die verschütteten Bunkern hatte man Anfang der 90er eine feine Schicht voller Rotkäppchen-Flaschen, Parteitagsbeschlüssen und Plattenbauschrott gelegt und drüberbetoniert. Die Reste der New Economy, ein bisschen Plastikgranulat, ein paar Packen Hochglanzpapier und verramschte Resopalmöbel, würden es noch nicht mal in diese Stratigraphie schaffen. Für so etwas gibt es inzwischen Müllverbrennungsanlagen. Ich weiss nicht warum, aber ich fuhr doch nochmal am Thai-Restaurant vorbei. Die Lichter waren inzwischen abgeschaltet, und davor zwängte sich der Halbglatzige mit der Blondine in einen 911er. Im Autoradio sang Leonhard Cohen: "Oh the winter wind is blowing, through the graves the wind is blowing, way down soon we will come, and we will come from the shadows." Das andere Mädchen stand einsam und unschlüssig am Strassenrand und wartete auf ein Taxi. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: dotcomtod: Not so FAQs an Lanu (joman)
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