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Kabel New Media AG Eine mögliche Zukunft von Kabel: Die Auffanggesellschaft
INSIDER Kabel New Media AG von amadeus

12:18 Mittwoch, 01. August 2001

Nein, Sie werden an dieser Stelle nichts über die Insolvenz von Kabel New
Media lesen. Nichts drüber, wie vorhersehbar das alles gewesen ist. Auch
nichts darüber, dass der Autor dieser Zeilen das alles schon seit Monaten
gewusst hat.
Denn erstens, lesen Sie genau diese Sätze seit Wochen
landauf, landab.
Und zweitens hat der Autor dieser Zeilen wohl als einer der wenigen in der
Branche nicht schon seit Monaten von der Kabel-Insolvenz gewusst. Er
konnte es ja auch nicht ahnen, weil alle diejenigen, die es nach eigenen
Angaben längst gewusst haben, darüber nie etwas haben verlauten lassen ...

Allerdings, eins dazu: Während der Betriebsversammlung, unmittelbar vor
der Insolvenzmeldung, fiel iBusiness-Informationen zufolge das Wort von
der Auffanggesellschaft. Arbeitstitel: 'Kabel Zwei GmbH'. Und
Auffanggesellschaften sind offensichtlich momentan in einem Teil der
Multimedia-Branche im Trend.
Das erste Mal habe ich vor einigen Wochen von dieser Methode gehört. Es
war auf einer dieser Branchen-Feten, auf denen die Stimmung wie überall
schwankt zwischen 'Let's party auf der Titanic' und 'Baron Münchhausen
revival event' ("uns geht's nach der Restrukturierung so gut wie nie
zuvor"). Ich habe dort einen, von dem ich wusste, dass er im
Insolvenzverfahren steckt, gefragt, wie es ihm denn ginge. Zu meinem
bassen Erstaunen strahlte mein Gesprächspartner über alle Backen. Grinsend
versicherte er mir, wie gut er drauf sei und wie toll seine Situation
wäre. Und dann hat er mir das Modell der Auffanggesellschaft erklärt.
Eine Auffanggesellschaft ist eine Schäfchen-trockenmaschine für
Newmedia-Unternehmer. Gebraucht werden: mindestens ein Wagniskapitalist,
viele Schulden, ein ganz oder teilweise gescheiterter Börsengang, viele
intakte Kundenbeziehungen und/oder eine coole Technologie sowie viele
Mitarbeiter. Voraussetzung ist die Überschuldung. Man hat beispielsweise
sein Businessmodell auf einen Börsengang ausgerichtet und nun
festgestellt, dass er sich mangels Aktionärsinteresse nicht lohnen wird.
Oder man ist börsennotiert und konstatiert, dass man zu viele defizitäre
Auslandsniederlassungen besitzt.
Auf jeden Fall hat man für ein Wachstum, dass nicht stattfindet, viel zu
viele Mitarbeiter eingestellt. Vor allem die teuren Manager. (Mein
Gesprächspartner bezeichnete sie als "die Bertelsmänner, die man für einen
Börsengang braucht"). Das Problem, wenn man das Unternehmen am Leben hält,
so erfuhr ich: die hohen Abfindungen, die man beim Gesundschrumpfen zahlen
muss.
Also lässt man Gläubiger, Aktionäre und (via Arbeitsamt) den Steuerzahler
zahlen. Und das funktioniert so: Man meldet Insolvenz an. Die Firma wird
aufgelöst. Gläubiger und Aktionäre verlieren ihr Geld. Die Mitarbeiter
bekommen Insolvenzgeld vom Arbeitsamt. Den wichtigen Mitarbeitern - den
Topp-Programmierern, so-wie Key-Account-Manager - verrät man unter der
Hand, dass man ein neues Unternehmen gründet. Rechtlich selbstständig,
neben einem selbst nur die Top-Leute dabei - den nötigen Quellcode
beziehungsweise die Kundenetats nimmt man natürlich in seinem schlauen
Köpfchen mit - beziehungsweise in den Köpfchen der Alt-/Neu-Mitarbeiter.
Vorteile dieses Modells: Man spart Geld - viel Geld für die Auszahlung all
derer, die einem früher Geld geliehen haben. Man wird all diejenigen
Mitarbeiter los, die man nicht mehr will (zu alt, zu schlecht ausgebildet,
zu renitent, zu schwanger ...) und das Arbeitsamt zahlt es. Mit neuem
Firmennamen, altem Konzept und alten Freunden macht man dann einfach da
weiter, wo man aufgehört hat. Geld holt man sich einfach von neuen
Kapitalgebern oder vom eigenen Konto.
Seit ich dieses in sich schlüssige Konzept verstanden habe, sind für mich
auch die Hintergründe der einen oder anderen Pleite einfacher
nachvollziehbar. Unglücklicherweise kann ich dieses Businessmodell für
mich nicht nutzen: Bei mir im Badezimmer hängt ein Spiegel. Und ich will
nicht gezwungen sein, beim Zähne putzen jedes Mal die Augen zu zu machen.

Kopiert von amadeus

Wirtschaftsinformatik-Institut Uni Stuttgart





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