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19:31 Mittwoch, 13. Juni 2001
Die Internet-Firma Intershop AG wird ihre Verluste aus dem Vorjahr in diesem Jahr noch übertreffen. Nachdem das Unternehmen bereits im ersten Quartal 2001 mit einem Minus von rund 35 Mio. Euro (68,5 Mio. DM) annähernd den Gesamtverlust des Vorjahres verbucht habe, sei mit einem schlechteren Gesamtergebnis zu rechnen, sagte Intershop-Vorstand Wilfried Beeck am Mittwoch bei der Hauptversammlung in Hamburg. Der Vorstand halte an seinem Ziel fest, im vierten Quartal die Gewinnzone zu erreichen. Das werde jedoch nicht ausreichen, um die Verluste der übrigen Monate auszugleichen.
AKTIONÄRSVERMÖGEN SCHRUMPFTE UM MEHR ALS 90 PROZENT Intershop-Gründer und Vorstandschef Stephan Schambach trat blass und beklommen vor die Aktionäre, deren Vermögen innerhalb weniger Monate um mehr als 90 Prozent zusammengeschrumpft ist. "Lassen sie uns gemeinsam diese schwierigen Zeiten durchstehen, um schnellst möglich wieder an die erlangten Erfolge anzuknüpfen", bat er seine Anteilseigner und fügte hinzu: "Schließlich bin auch ich Aktionär und genau wie sie am Wohlergehen des Unternehmens interessiert." Der einstige Star der so genannten New Economy ist bescheiden geworden. Schambach hatte das Unternehmen als 20-jähriger bereits kurz nach der Wende in Jena gegründet und zunächst märchenhaften Erfolg gehabt: Sein Unternehmen nannte er ironisch nach den Westgeld-Läden der DDR Intershop, und die Software ist bis heute nach unabhängigen Einschätzungen die beste für den Handel im Internet. "Bis Ende des dritten Quartals hat Intershop alle Erwartungen hinsichtlich Umsatzsteigerungen und Ergebnis erreicht", sagte er im Hamburger Congress Centrum. Die Aktie kletterte von unter 10 Euro 1999 auf den Rekordwert von 135 Euro im März 2000 - und der Ostdeutsche wurde plötzlich zum Millionär. ABSATZEINBRUCH IN DEN USA Um so härter traf ihn und das Unternehmen der unerwartete Absatzeinbruch in den USA, wo Intershop seine Visionen nicht einlösen konnte. Aus dem erwarteten Gewinn wurde ein Verlust von 39 Mio. Euro, und die Aktie stürzte zurück auf derzeit 4 Euro. Nun steht Intershop vor den gleichen Herausforderungen wie andere Unternehmen der "New Economy": Kosten senken, vom Personal bis zu den Büromieten, und das Unternehmen an die gesunkenen Umsatzerwartungen anpassen. Gelingt das nicht, ist nur noch für ein halbes Jahr Geld in der Kasse. "Durch Selbstüberschätzung und Realitätsferne ist dieses Unternehmen an den Abgrund geführt worden", klagte Jens-Uwe Nölle von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Doch er gab nicht nur dem jungen Unternehmenschef, sondern auch Banken und Analysten die Verantwortung dafür, die Intershop unverantwortlich hochgejubelt hätten. Es blieben die einzigen scharfen Worte auf der Hauptversammlung. Das erwartete Scherbengericht der Aktionäre blieb aus. Wer sich sonst zu Wort meldete, stellte sachliche Fragen. EINIGE AKTIONÄRE NOCH ZUVERSICHTLICH Lebhafter ging es im Foyer des Congress Centrums zu, wo sich die Aktionäre bei Würstchen und Kartoffelsalat die Köpfe heiß redeten. "Die Hoffnung muss man behalten", sagte ein Biologe aus Hamburg. "Die Aktie wird nicht zum Penny-Stock werden." Er will die Aktie in den nächsten Wochen beobachten und vielleicht nachkaufen, um seine Einstandskosten zu verbilligen. Ähnlich sieht es ein Berater, ebenfalls aus Hamburg: "Das Produkt ist gut; entscheidend ist, ob das Management die Kosten anpassen kann." Auch er will nachkaufen, obwohl er weiß: "Das ist natürlich sehr spekulativ." Pünktlich zur Hauptversammlung konnte Intershop noch eine gute Nachricht verbreiten. Die Software-Firma erhält einen Großauftrag von der Münchener bol.com AG, einem Tochterunternehmen der DirectGroup Bertelsmann. Das Online-Handelsportal des Unternehmens wird auf die E-Business-Plattform "Enfinity" von Intershop umgestellt. Wie es heißt, beläuft sich das Auftragsvolumen auf mehrere Mio. Euro Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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