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financial "Kultur und Wellness": Wie Deutsche im Ausland feiern
INSIDER financial von hualp

22:11 Samstag, 14. November 2009

Kennt ihr den Film „Lost Weekend“? Ist aus den 40ern, über Leute, die ein ganzes Wochenende sinnlos versaufen. Etwas, das mir immer schon von Herzen fremd war. Ein Wochenende verschlafen oder mit einer süßen Frau verkuscheln, ja, nur zu gerne, her damit. Aber verkoksen oder versaufen? Nicht mein Ding.

Damit bin ich allerdings weit weg von der heutigen Elite derer, die uns mit ihrem Gezocke in die Finanzkrise geführt haben und die sie auch völlig unbehelligt, ja gestärkt überstanden haben. Und deren Firmenkultur sowas von ... naja, lest selbst.

Die Firma handelt mit Finanzwerten, also ihr wisst schon, Aktien, Fonds, Derivate und Schlimmeres. Der ganze Bockmist, die ganzen "virtuellen Werte" halt. Nennen wir sie also "financial". Auf das bei solchen Firmen eigentlich übliche modische Anhängsel (.de, .com, .net ...) sei zu dieser Tageszeit gütigerweise verzichtet, sucht euch eine davon aus.

Das bewusste Unternehmen entwickelt also Software und Systeme zum Zocken, für den Eigenbedarf und für Reuters. Letzteres ist der Grund, warum man sehr viel Wert auf gepflegten Umgang mit sich und seiner Umwelt Wert legt. Auch seine Mitarbeiter schätzt man sehr, weshalb es auch jährlich um diese Jahreszeit ein "Kultur- und Wellness-Wochenende" gibt, in dem die Firmenkultur hochgehalten wird und die Gesundheit (körperlich und geistig) der Mitarbeiter. Und das geht so:

Man fährt gepflegt in irgendein abgelegenes Bergtal. Offiziell zum Skifahren. Auch wenn zum Erstaunen Unwissender niemand Ski dabei hat, dafür gibt es jede Menge Sixpacks, "Stamperl", Schnäppse etc. es ist jedes Jahr ein anderes Hotel und ein anderes Bergtal. Die Täler früherer Jahre sind tabu: Die Fahndungsplakate hängen noch.

Ist der Bus voller erlebnisorientierter Broker (Broker heissen Broker, weil sie gerne etwas zerbrechen, also: kaputtmachen!) und Softwarefuzzis (Softwarefuzzis heissen so, weil sie auch die härtesten Dinge weich klopfen und schliesslich zu Trümmern verarbeiten) schliesslich im (nachher) feindlichen Ausland angekommen, so wird ein unschuldiges Ausflugslokal als "geschlossene Gesellschaft" heimgesucht, beispielsweise das "Busse willkommen"-Lokal Zugspitzblick der Lermooser Familie Segnal - "Erlebnisgastronomie", also das richtige für so einen Bus voller erlebnisorientierte Breaker, Verzeihung, Broker.

Bis 18 Uhr ist das "Zugspitzblick" ein Stopp für den Fernpass nutzende Fernfahrer und Busse voller Touris, nach 18 Uhr ist es normal zu, weil es im Winter dunkel ist und man die Zugspitze folglich nicht mehr sehen kann. Und die Kneipe selbst ist halt so, wie eine Kneipe halt aussieht, die eigentlich von der guten Aussicht lebt. Dass man um 20 Uhr nichts mehr sieht, das frustet unsere lieben Brokerfreunde natürlich. Also beschliessen sie, zu broken...breaken...na was kaputtzumachen, ihr wisst schon.

Der CFO des börsennotierten Unternehmens (Ehrensache für Börsianer, auch wenn die Aktien niemand bekommt, auch die Broker nicht) schenkt deshalb sofort nach Betreten des sein Schicksal noch nicht ahnenden Lokales Runde über Runde Schnäpse aus. Und Wein. Wasser oder irgendetwas nicht alkoholhaltiges zu trinken ist auch den Damen streng verboten, bringt dem Missetäter "Strafschnäpse" ein. Möglichst schnell hackdicht und unzurechnungsfähig zu sein, ist dabei der Sinn der Sache:

Nach einer, spätestens zwei Stunden sind so alle so besoffen, dass sie die ganze Kneipe in Trümmer legen. Dies ist nämlich das eigentliche Ziel der Firmenfeier: möglichst viel teures und wertvolles Zeug kaputtzumachen. Darauf freuen sich alle schon das ganze Jahr, Weihnachtsgeld gibt es ja nicht, aber eben einmal im Jahr die Option, Druck abzulassen und gezielt zu randalieren.Dazu gehört beispielsweise, ganze Teller gezielt im Stapel vom Tisch zu hauen, wo die Serviererin sie gestapelt hatte. Dann aus der Küche Zucker zu holen, über die Scherben zu kippen, die Zuckergläser und ein paar halbvolle Biergläser hinterher zu schmeissen. Letzteres machte der CFO persönlich – uns allen ein Vorbild. Ein studierter Mensch mit Doktortitel, der weiss, was sich im Ausland gehört, damit die Deutschen in guter Erinnerung bleiben.

Danach werden bereits aufgehängte Christbaumkugeln vom Baum geholt und auf dem Boden zerschellen gelassen. Doch die Christbaumkugeln gingen einfach nicht kaputt. Also schmiss man schwere Aschenbecher hinterher. In einen bis dahin verschont gebliebenen Raum. Dann wurde eine Lampe aus der Decke gerupft und hinterher geworfen. Eine Energiesparlampe, versteht sich, man ist ja umweltfreundlich und Quecksilberdämpfe sind ja gesund, machen schön doof, genauso wie die elende Sauferei.

Dann war die Besitzerin dabei, die Polizei zu rufen, also zahlte der CTO die ganze Malaise, während der CFO im Bus stolz der versammelten und wegen der anrückenden Polizei schnell aus dem Lokal geflüchteten Mannschaft berichtete, was er und andere dort Tolles an Abräumarbeiten geleistet hatten.

In der Nacht wurden dann im Hotel (ein steriler "Cube aus Glas und Beton, in dem man hoffte, nichts zerschlagen zu können...) aus dem 3. Stock Gläser nach unten geworfen (ohne Todesopfer, aber sicher nur versehentlich, weil sie niemand getroffen haben), ein Plasmabildschirm zertrümmert und die eigentlich vandalensichere Elektronik-Bedieneinheit aus dem Fahrstuhl gerupft. Mit Wellness am Samstag war daher nichts, da die Sauna im 4. Stock war und nur per Fahrstuhl erreichbar. Der war erst am Abend wieder halbwegs funktionsfähig (das Stockwerk wird er nie mehr anzeigen), es mußte extra jemand aus Wien kommen, um eine neue Elektronik und Steuereinheit einzubauen. Kostete alleine 2000 Euro. Der Rest zusammen etwa 30.000 Euro. Macht nichts, man hat's ja.

Die neu eingestellte Buchhalterin (die letztjährige hatte nach dem "Kultur- und Wellnesswochenende" gekündigt) durfte eruieren, wie sich diese "Sonderausgaben" steuerlich absetzen liessen - schliesslich soll doch die Allgemeinheit, der deutsche Steuerzahler, auch etwas von der netten Firmenfete haben.

Am nächsten Abend gab es wieder Schnapsrunden und dann sind die mit dem Bus in die "Lahme Ente", ein Apres-Ski-Lokal. Nein, nicht zum "Hasen aufreissen", so was tun erwachsene Leute mit Geld doch nicht. Sex, igitt, bäh. Sowas ist unanständig. Nein, kultivierter: zum Kurz- und Kleinschlagen natürlich. Nur war die Besitzerin dieselbe wie die der Kneipe vom Vorabend und schob den CFO samt seinem Doktortitel sofort "hysterisch schreiend", wie man amüsiert kichernd berichtete, wieder zur Tür raus, zusammen mit dem ganzen restlichen Sauhaufen.

In dieser Firma ist Technik was zum Zerhauen und Zertrümmern. Das gilt als Jahresbonus, daß man auf dem "Wellnesswochenende" besoffen viele teure Dinge zerhauen kann. Bei Bang & Olufson ist das auf der Weihnachtsfeier auch so, da zählt es für die Mitarbeiter als Höchstes, daß jeder besoffen einen der teuren Fernseher eintreten darf. Saufen und randalieren, das ist eben "Kultur"...

Achja: In nur wenigen Tagen rollt der Trümmerbus" wieder an - mit etwas Glück in Ihr Hotel! Die Deutschen werfen heute keine Bomben mehr, sie machen jetzt halt in Kultur und Wellness...





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