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11:18 Samstag, 03. Januar 2009
Am Abend des 22. Dezember 2008 gab freenet in einer Ad-hoc-Mitteilung bekannt, dass freenet-Chef Eckhard Spoerr den Aufsichtsrat um Auflösung seines Vertrags zum 23. Januar 2009 gebeten habe. Begleitet wurde dies mit einem Ausdruck des großen Bedauerns durch den Aufsichtsrat. Am nächsten Morgen folgte eine Pressemitteilung Spoerrs, dass er diese Entscheidung zum Wohle des Unternehmens und auf eigenen Wunsch hin getroffen habe. BooCompany führte ein Gespräch über die Hintergründe mit einem Insider.
BooCompany: Der Rücktritt Spoerrs kam selbst für Insider nun sehr plötzlich und überraschend. In den Tagen zuvor hatte Spoerr mehrfach Interviews gegeben, in denen von einem Rücktritt nicht ansatzweise die Rede war. Dies wirft natürlich die berechtigte Frage auf, wie glaubhaft Spoerrs Geschichte vom Rücktritt auf eigenen Wunsch ist. Experte: Jeder, der sich mit dem Unternehmen freenet ein kleines bisschen beschäftigt hat, kann erahnen, dass dieser Rücktritt nicht freiwillig erfolgt ist. Anfang Dezember gaben Spoerr und Thoma sich noch kämpferisch, als öffentlich über Unruhen im Aktionärskreis gemutmaßt wurde. Der Aufsichtsrat stütze nach Aussagen Thomas einstimmig den von Spoerr eingeschlagen Kurs, hieß es da noch. Allerdings war Thoma dabei offensichtlich schon ein wenig von der ganzen Wahrheit entfernt. In einem offenen Brief des debitel-Betriebsrats klang durch, dass diese Einstimmigkeit längst nicht mehr gegeben sei. Spoerr musste sich nun dem Druck der Aktionäre beugen, um wenigstens vor der uninformierten Öffentlichkeit noch sein Gesicht zu wahren. BC: Welche Aktionäre haben Druck gemacht? Permira bedauert Spoerrs Abgang angeblich. E: Permira ist ruhiger im Ton geworden. Die Private-Equity-Fonds sind auch um ihren Ruf bedacht, seit Müntefering sie in einen Topf mit Hedge-Fonds geschmissen und ihnen den Namen Heuschrecke verpasst hat. Spoerr hatte aber keine erkennbare Strategie vorzuweisen. Sein Handeln war in den letzten Jahren nur davon geprägt, immer wieder seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Bei der alten freenet.de AG, dem Internet-Ableger aus dem mobilcom-Konzern, war er noch relativ geschützt. Eng wurde es zum ersten Mal im Jahr 2005, als der damalige mobilcom-Chef Thorsten Grenz die Idee hatte, Mutter mobilcom und Tochter freenet zu fusionieren. Damals verkaufte Spoerr sich an den mobilcom-Großaktionär Texas Pacific Group (TPG). Indem er ihnen großzügige, kreditfinanzierte Sonderausschüttungen versprach, bootete er Thorsten Grenz beim Kampf um den Chefsessel aus. Aber auch mit TPG hatte Spoerr es sich zuletzt verscherzt. Zum einen verzögerte sich die Fusion und damit die Möglichkeit einer Sonderausschüttung um fast zwei Jahre, zum anderen waren die Ausschüttungen nicht mehr in der versprochenen bzw. gewünschten Höhe möglich. Anfang 2007 setzte TPG dann Spoerr die Pistole auf die Brust. Als Retter holte Spoerr sich die Investmentgesellschaft Vatas, die TPG ihre Anteile zu einem Preis abkaufte, der die noch zu erwartende Ausschüttung bereits beinhaltete. Für einige Wochen schmierte Spoerr dann sogar öffentlichkeitswirksam dem Deutschland-Statthalter von Vatas Lars Windhorst Honig um den Bart. So war es Windhorst, der Spoerr über die turbulente Hauptversammlung im Jahr 2007 rettete. Dieser Schutz währe aber nicht lange, da Vatas in Schwierigkeiten geriet und die freenet-Anteile an Spoerrs Widersacher Drillisch und United Internet verkaufte. Die Hauptversammlung im Jahr 2008 drohte für Spoerr zum Fiasko zu werden und so begann er, mit Drillisch und United Internet zu verhandeln. Parallel verhandelte er aber auch, wie mittlerweile bekannt ist, mit Permira über den Kauf von debitel. Damit hatte Spoerr sich für die Hauptversammlung 2008 erneut einen wohlwollenden Großaktionär geschaffen und überstand auch diese. Der debitel-Kauf war aber auch kein glückliches Geschäft. Spoerr war im Jahr 2007 beim Bieterstreit um Talkline wegen zu hoher Preise ausgestiegen und hatte diese von debitel übernehmen lassen. Nach der debitel-Übernahme brüstete er sich damit, im Jahr 2008 mit diesem Deal besonders clever gewesen zu sein, da man nun die wesentlich größere debitel inklusive Talkline übernehmen konnte. Die Wahrheit ist aber, dass Spoerr 2007 ausgestiegen war, um die Sonderausschüttung, die Vatas bereits versprochen war, in Höhe von 528 Millionen Euro vornehmen zu können. Das war im Juli 2007. Nur ca. drei bis vier Monate später muss er jedoch in Verhandlungen mit Permira bzgl. einer Übernahme von debitel getreten sein. Diese gelang dann 2008 nur noch durch eine hohe Verschuldung, die Spoerr dann auch gleich noch nutzte, um zum Schaden der Aktionäre eine Poison-Pill zu schaffen, wie es sie in einem deutschen Unternehmen bisher noch nicht gegeben hat. Mit den finanzierenden Banken wurde ein Sonderkündigungsrecht vereinbart, dass den freenet-Vorstand vor einem Votum der Hauptversammlung schützen sollte. Hätte Spoerr 2007 keine Sonderausschüttung vorgenommen und 2008 debitel übernommen, wäre freenet jetzt ein überaus gesundes, dividendenfähiges Unternehmen mit einem Börsenkurs, der bei einem Vielfachen des aktuellen Kurses notieren würde. Permira hatte Spoerr im Anschluss an die Hauptversammlung 2008 einen Fünf-Punkte-Plan gegeben. Spoerr hat jeden Punkt ignoriert. Eine Woche vor seinem Rücktritt verkündete er gar, dass er für den Verkauf des DSL-Geschäfts überhaupt keinen Zeitplan mehr verfolge. Um die Aktionäre zu besänftigen, verkündete er stattdessen, dass die angestrebten Synergieeffekte durch die debitel-Integration doppelt so hoch ausfallen würden, als bisher angenommen, ließ aber offen, woher diese Effekte kommen sollen. Es ist denkbar, dass diese Äußerung das Fass zum Überlaufen gebracht hat. BC: Dann waren seine Widersacher United Internet und Drillisch unbeteiligt? E: Es ist schwierig, das so eindeutig abzugrenzen. United-Internet-Chef Dommermuth hat zuletzt bekräftigt, dass er den Wert von freenet wesentlich höher sehe, wenn das Unternehmen vernünftig geführt würde. Ansonsten haben Spoerrs Widersacher sich seit der Hauptversammlung im August relativ bedeckt gehalten. Permira hatte Thoma und Spoerr aber mit der Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung gedroht für den Fall, dass Spoerr nicht zurücktrete. In diesem Fall hätte Permira den Aufsichtsrat neu besetzen lassen. Dass auch United Internet und Drillisch bei einer solchen Abstimmung die Vorschläge von Permira unterstützt hätte, ist wohl kein Geheimnis. In der Konsequenz blieb Thoma gar nichts anderes mehr übrig, als Spoerr zu opfern. Thoma selbst muss nun versuchen, dennoch weiterhin im Aufsichtsrat zu verbleiben. Es ist jedenfalls unvorstellbar, dass Spoerr sich nun plötzlich dem Druck der unliebsamen Aktionäre Drillisch und United Internet gebeugt hätte. Auch wenn er keine Gelegenheit auslässt, diesen den schwarzen Peter für die Gesamtsituation zuzuschieben. Hätte Permira nicht die Geduld verloren, würde Spoerr bleiben. Dass der Druck von Permira kam, wird auch dadurch deutlich, dass nicht Spoerrs Intimus Axel Krieger oder einer der bisherigen freenet-Vorstände zum interimistischen Sprecher des Vorstands ernannt wurde, sondern der neu von debitel hinzugekommene Joachim Preisig, den Permira bereits länger kennt. BC: Thoma meint, dass Spoerr bereits vor der Hauptversammlung im Sommer gehen wollte und nennt ihn einen großartigen Manager. E: Dass Spoerr freiwillig gegangen wäre, gehört ins Reich der Legendenbildung. Es mag sein, dass er vor der Hauptversammlung im Sommer Angst hatte, keine Mehrheit für sich zu bekommen und anschließend vom Hof gejagt zu werden. In diesem Fall wäre er sicherlich lieber zuvor zurückgetreten. Genau das gleiche ist jetzt auch passiert. Er hatte keine Chance mehr und versucht, eine Niederlage in etwas umzudeuten, dass ihn scheinbar sein Gesicht wahren lässt. Und Helmut Thoma hat nachweislich keine objektive Meinung zu Spoerr. Ziemlich genau sechs Jahre vor Spoerrs jetzigem Rücktritt, nämlich am 23. Dezember 2002, gab es bei mobilcom eine Aufsichtsratssitzung. Der damals bereits geschasste mobilcom-Gründer Gerhard Schmid wollte über Vertraute, die noch im mobilcom-Aufsichtsrat saßen, dafür sorgen, dass Spoerr als weiterer Vorstand neben Thorsten Grenz eingesetzt werde. Schmids Gegner hatten davon erfahren und dem Handelsblatt einen Bericht zukommen lassen, in dem der damalige Chef-Buchhalter von freenet schwerwiegende Anschuldigungen gegen Spoerr erhoben hatte. Ein entsprechender Bericht erschien am Morgen vor der Aufsichtsratssitzung im Handelsblatt. Unter anderem war Helmut Thoma damals einer derjenigen Aufsichtsräte, die gegen eine Wahl Spoerrs votierten. Vier Wochen später wurde Thoma Aufsichtsratsvorsitzender bei freenet und war fortan voll des Lobes für Spoerr. Zwischenzeitlich hatte Thoma allerdings auch erfahren, dass in dem Bericht mit den Anschuldigungen gegen Spoerr sein eigener Sohn Harald Thoma eine nicht unbeachtliche Rolle spielte und Gelder von freenet erhalten hatte. BC: Wird Thoma sich als Aufsichtsratsvorsitzender halten können? E: Diese Frage stellt sich nicht nur für Thoma. Hinter den Kulissen hört man, Permira erwarte, dass einige Aufsichtsräte ihre Posten freiwillig zur Verfügung stellen. Der Wunsch ist legitim, da die Großaktionäre mit Ausnahme von Hermes, die aber nur fünf Prozent halten, nicht im Aufsichtsrat vertreten sind. Hier wird sicherlich noch Bewegung hineinkommen. Ob Thoma sich halten kann, ist stark zu bezweifeln. Das gilt ebenso für die bisherigen freenet-Vorstände. Finanzvorstand Axel Krieger steht gemeinsam mit Spoerr ab 9. Januar wegen Insiderhandels vor Gericht. Die anderen Vorstände müssen zeigen, ob sie auch ohne den Schutz Spoerrs ihre Positionen halten können. Keiner hat in seinem Lebenslauf eine Station in einer Führungsposition eines Konzerns vorzuweisen, der auch nur annähernd der Größe freenets nach der Übernahme von debitel entspricht. Zuletzt hatte Spoerr selbst den Eindruck erweckt, dass bei freenet keine Strukturen vorhanden sind, die zur Führung eines Konzerns erforderlich sind, sondern er alles alleine mache und die anderen Vorstände nur überbezahlte Statisten sind. Einzig der neue Vorstandssprecher Joachim Preisig hat einen entsprechenden Lebenslauf vorzuweisen. Es wäre vorstellbar, dass Preisig neben dem neuen Vorstandsvorsitzenden Finanzvorstand von freenet wird. Diese Position hatte er zuvor bei debitel. BC: Wird man Eckhard Spoerr bald wieder in einem anderen Vorstand oder als Berater wiederfinden? E: Das ist eher nicht zu vermuten. Spoerr hat zu viele Finanzinvestoren verprellt bzw. getäuscht. TPG, Permira, Hermes um nur einige zu nennen. Sein Name wird assoziiert mit Intransparenz, Täuschung, auf den eigenen Vorteil bedacht. Auch wenn er jüngst in seiner Position als Aufsichtsratsvorsitzender des angeschlagenen Unternehmens Conergy einen Vorbestraften zum Vorstand bestellte, ist momentan kaum vorstellbar, dass Spoerr selbst so viel Rücksicht erfahren wird. BC: Scheinbar stehen uns aber auch ohne Eckhard Spoerr noch interessante und turbulente Zeiten bei freenet bevor. Vielen Dank für das Gespräch. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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