dotcomtod auf geht\'s auf oder ab abwärts übel leidend das wars wohl
Erste Seite | Die Idee | Boo melden | Ruhmeshalle | Kommentare
 

Menü
Erste Seite
Die Idee
Boo melden
Ruhmeshalle
Kommentare
Newsfeed
Forum
DCT Archiv
Kontakt

Galerien
Insider
Boo
Final

Booshaft
Baron
eCards
Intern
Echo
Kolumne
Presse

Bootanischer Garten

Login
Benutzername

Passwort

Registrieren
Passwort vergessen





Get the Klip for boocompany.com
Add to any service

Blogliste
Lanu
Don Alphonso
Che
Hal Faber
Pud
Girl
Strappato
Sven Scholz
Jens Scholz
Thomas Knüwer
Dr. Dean
Spreeblick
Lumma
Wirres
Markus Grill
Sethos

Bloghoster
Twoday.net
Blogg.de
Blogger.de

Freenet freenet: Die schöne Welt des Eckhard Spoerr
BOO Freenet von lanu

11:37 Montag, 15. Dezember 2008

freenet-Top-Manager Ecki Spoerr steht unter Druck. Die unliebsamen Großaktionäre United Internet und Drillisch machen ihm schon lange zu schaffen. Der weitere Großaktionär Permira macht sich unentwegt Sorgen über Spoerrs Ruf am Kapitalmarkt und die Presse schreibt lieber über seinen bevorstehenden Prozess und Ärger mit den Mitarbeitern, als seine Erfolge zu würdigen. Was macht man in einer solchen Situation am besten, um das eigene Image aufzupolieren?

Richtig, man lädt Top-Journalisten dazu ein, Ecki einen Tag lang zu begleiten und zu zeigen, was er doch für ein feiner Kerl ist. Dazu nimmt man die richtig guten, unabhängigen Journalisten. Diese Storys erscheinen dann auch nicht im Wirtschaftsteil, sondern in den Wochenendbeilagen, wo wirklich wichtige Menschen porträtiert werden. Z.B im September im Handelsblatt. Oder wie nun in der Süddeutschen Zeitung in der Wochenendreportage, die sich mit Kultur und Gesellschaft beschäftigt.

Hier ist das Meisterwerk ausnahmweise mal in voller Länge (Beschwerden bitte direkt an mich):

Süddeutsche Zeitung vom 13. Dezember 2008

Unter Druck



Eckhard Spoerr ist Top-Manager. Sein Job ist akut in Gefahr. Wie hält er das aus? Von Harald Hordych

Rezept 1:
Zigarette zwischendurch

Auf diesen Augenblick hat Eckhard Spoerr zwölf Stunden gewartet. Es ist 21.30 Uhr, in der Zentrale der Freenet AG in Büdelsdorf, 35 km westlich von Kiel, brennt nur noch in wenigen Räumen Licht. Spoerr hat eine Marlboro-Schachtel in den Konferenzraum 2 mitgebracht und schaut, als hätte er auf dem Flur einen Goldbarren gefunden.
Der Vorstandsvorsitzende der Freenet AG legt dem Bereichsleiter Marketing und sich selbst eine Zigarette auf den Tisch, beide im rechten Winkel zur Tischkante. Dann gibt er dem Bereichsleiter Marketing Feuer. Die beiden ziehen an der ersten Zigarette des Tages, und der Vorstandsvorsitzende, dessen Gesicht in der Regel vor Konzentration wie eine leergefegte Fläche aussieht, schließt die Augen. Seine Züge füllen sich mit Genuss.
Niemand trägt etwas vor, niemand fragt nach, niemand antwortet.
Dieses Schweigen dauert zwei Züge, so lange, wie Markus Hüßmann braucht, bis der Spot heruntergeladen ist, den er seinem Chef vorführen will. Als der Spot aufflackert, ist die erste Pause dieses Arbeitstages zu Ende. Nach vier Zigaretten und drei Spots hat der Bereichsleiter Marketing zwei neue Aufträge, die er bis nächste Woche erledigen muss.
„Danke!“, ruft Hüßmann, als er um 22 Uhr zur Tür hinausstürzt.

Rezept 2:
Ein ordentliches Gehalt

Eckhard Spoerr, 40, gehörte 2007 zu den bestverdienenden Managern Deutschlands. Sein Gehalt betrug 4,4 Millionen Euro inclusive Aktienoptionen. Es lag im vorigen Jahr deutlich über dem von René Obermann, dem Telekom-Chef. Spoerr hat die Freenet 1999 gegründet und mit 30 Mitarbeitern an die Börse geführt. Aus dem kleinen Betrieb hat er einen Konzern mit mehr als 7000 Mitarbeitern gemacht. Auf diesem Weg hat er zahlreiche Machtkämpfe gewonnen, Porträts werden mit „Der Unabsteigbare“ (FAZ) übertitelt. Eckhard Spoerr – Abiturnote 0,8, in seiner Jugend einer der besten deutschen Schwimmer, mit 31 Firmenchef – ist ein Leistungsmensch, der sich und andere nicht schont. „Wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht ehrgeizig, wäre das kokett“, wird Spoerr um halb zwei Uhr morgens in seinem Porsche Carrera S zwischen Kiel und Hamburg sagen.
Warum muss man das wissen? Weil es hier um einen einzigen Arbeitstag eines Topmanagers geht, der noch mehr als sonst unter Druck steht. In erwartet ein Prozess wegen Insiderhandels. Der Kurs der Freenet AG fällt. Spoerr bereitet die Streichung von 1000 Stellen vor. Außerdem kämpft er gegen Großaktionäre aus dem eigenen Haus, die ihn unbedingt loswerden wollen. Der Druck auf Spoerr ist so groß, dass er damit rechnen muss, von Heute auf Morgen abgelöst zu werden. Die Frage ist also nicht, wie viel ein Mensch wie Eckhard Spoerr arbeitet – jeder weiß, dass solche Leute viel arbeiten.
Die Frage ist, wie ein Mensch unter diesen Vorzeichen einen Tag bewältigt, der kein exklusiv konstruierter Härtefall für die Zeitung ist, sondern ein Tag unter vielen. Was muss einer draufhaben, um vor sich selbst und anderen ein siebenstelliges Jahresgehalt rechtfertigen zu können? Denn auch 2008 wird Spoerr trotz des Börseneinbruchs immerhin eine Million Euro verdienen.

Rezept 3:
Kein Büro wie jedes andere

Es ist 9.30 Uhr an einem Montag im Dezember Noch sitzt Spoerr in seinem Büro in Hamburg in einem mehrstöckigen, wenig attraktiven Gebäudekomplex an einer Eisenbahnlinie. Er liest Mails. Kaltes Licht fällt von einer niedrigen Decke und beleuchtet graue Metallaktenschränke, die sogar in einem Kellerarchiv schlechte Stimmung verbreiten würden. An der Wand gegenüber stehen ein weißer Billig-Kühlschrank, ein Ledersofa wie aus der Ikea-Fundgrube und ein Glastisch mit einer Mini-Stereoanlage, an der ein Kabelknäuel herunterbaumelt. Kein Kleiderständer. Spoerrs schwarzer Wollmantel liegt zerknüllt auf dem Ledersofa. Der TV-Schirm an der Wand ist winzig, das einzige Markenprodukt im Raum ist ein standfester Tischkicker. Zwischen Schreibtisch (Freenet-Bürostandard) und Fensterbank ist noch ein Mountainbike gequetscht.
In der Arbeitsrumpelkammer fällt Eckhard Spoerrs Garderobe angenehm auf: Er trägt einen hellgrauen Anzug, weißes Hemd, grau-weiße Seidenkrawatte und eine eckige schwarze Brille, seinen kurz geschnittenen Haaren gibt Gel Standfestigkeit. Sofort nach der Begrüßung fragt Spoerr, ob er einfach weiter ungestört seiner Arbeit nachgehen könne: „Das ist doch kein Interview, oder?“
Dann geht es in das erste Meeting des Tages. Der Raum heißt „Venedig“ und sieht genauso aus wie der Raum „Hanoi“: grau, grün, braun. In dieser Farbmischung spielt sich an wechselnden Orten wochentags sein Leben ab. In einer Branche, in der die Produkte aus Zahlen bestehen, nämlich aus unterschiedlich zusammengebauten Tarifen und Sonderangeboten, die sich dann auch – hohe Kunst des Wettbewerbs – markenprägend unterscheiden sollen. Fünf Meetings sind bis 16 Uhr in Hamburg angesetzt. Danach drei Termine in Büdelsdorf. Frühestens um 23.30 Uhr ist Kiel terminiert.

Rezept 4:
Privilegien der Macht I

Spoerr begrüßt drei Vertreter der Rechtsabteilung, alle um die 30. Wie immer an diesem Tag ohne ein persönliches Wort. Spoerr ist in erster Linie ein Antidiplomat, den jeder duzen darf. Es geht um Details bei der Vorratsdatenspeicherung, die von Mobilfunkbetreibern gewährleistet werden soll. Das kostet Geld, und bei Geld überlässt Spoerr nichts dem Zufall. Spoerr lässt sich die Verträge mit den Netzbetreibern vorlegen und nimmt dann die Haltung ein, die sich als seine Arbeitshaltung entpuppen wird: vorgebeugt, den Kopf ein wenig zwischen die Schultern gesenkt. Als Einziger legt er die Hände nicht auf den Tisch, als Einziger sitzt er nicht gerade. Und: Er nimmt seine Handyanrufe entgegen. Die anderen Handys schweigen. Oder werden sehr hektisch ausgedrückt, wenn sie losjingeln.
Spoerrs Telefonate nehmen alle den gleichen Verlauf, sie dauern sogar gleich lang, ungefähr 15 Sekunden: „Ja? – Jetzt nicht. – Ich ruf dich an. – Ab 16 Uhr. – Da kann ich telefonieren.“
Blick auf den Zeitplan. Um 16 Uhr ist doch der erste Termin in Büdelsdorf! Und eine Stunde vorher beginnt in Hamburg die Sitzung mit der Personalabteilung. Fahrzeit von Hamburg nach Büdelsdorf: Für Opelfahrer eine Stunde. Spoerr fährt Porsche.

Rezept 5:
Privilegien der Macht II

In seiner Lauerstellung bleibt Spoerr auch beim nächsten Meeting mit sieben Führungskräften des Konzerns, die den Fahrplan für das derzeit wichtigste Projekt besprechen. Alle fünf Mobilfunkunternehmen des Konzerns, die vier Netzbetreiber und diverse Handyhersteller müssen unter einen Hut gebracht werden. Sisyphusarbeit. Also: erst zuhören und dann zupacken. Spoerr lässt die anderen reden, dann hakt er ein und fragt nach den Zielen einer Idee, dem Sinn eines Vorgehens. Immer wenn man denkt: Jetzt hört er bei einem der 72 „Tasks“ des Implementierungsplans mal nicht hin, schnappt er zu. Als zwei endlos diskutieren, wann sie mit Punkt 34 und 3 starten sollen, mischt Spoerr sich ein: „Wenn 4 und 5 fertig sind, könnt ihr über 34 und 35 reden.“ Betretenes Schweigen.
Der neue Leiter des Projekts ist zum ersten Mal in Hamburg. Schmales Gesicht, Spitzbärtchen. Er kommt von Debitel, das Freenet vor kurzem übernommen hat. Die Machtverhältnisse sind also klar. Dieses Projekt ist seine Eintrittskarte, auf die er einen neuen Vertrag erhält, in der ehemaligen Debitelzentrale in Stuttgart fällt jeder zweite Job weg. Spoerr begrüßt ihn, nachdem ein Vorstandskollege den Debütanten vorgestellt hat mit den Worten: „Der Name steht für Erfolg!“ Pause. Spoerr lacht los, sein Pokerface reißt auseinander. Es amüsiert ihn, dass beide Projekte des Neuen in der Vorgängerfirma Flops waren. „Bist du dir sicher, da den Richtigen ausgesucht zu haben?“ Alle lachen, auch der Neue. Als zu viel gelacht wird, ist es Spoerr, der seinem Mann beispringt: „Moment! Die Projekte sind live gegangen. Das hat er geschafft.“
Nun folgt eine Lektion in Spoerrs Führungsstil. Jetzt analysiert der Chef aus dem Stegreif, welche grundsätzlichen Fehler von der Firmenleitung gemacht wurden, nicht vom Projektleiter. In seinem Kurzvortrag achtet Spoerr darauf, Deutsch und nicht, wie sonst alle hier, Denglisch zu sprechen. Der Neue nickt. Seine Wangen röten sich. Nun darf er der Runde das Scheitern aus seiner Sicht erläutern. Es ist ein ungewöhnlicher Einstieg für einen, von dem man sich viel verspricht. Sehr direkt, sehr unverblümt, nüchtern, aber nicht ohne Charme. Es ist ein Spoerr-Einstieg.

Rezept 6:
Mach, was du willst

Die Mittagspause fällt aus, sie war ohnehin nur für den Journalisten eingebaut worden. Als die Sekretärin nachfragt, bemerkt Spoerr: Ich kann jetzt nichts essen.
Ortswechsel über den Flur. Von „Venedig“ nach „Hanoi“. Die Werbeagentur hat eine Präsentation zum Logo der Mobilcom und Debitel entwickelt. Der Höhepunkt der Diskussion kommt, als Spoerr wortlos den Raum verlässt. Kein „Sorry, komme gleich wieder“. Als die Tür ins Schloss fällt, mit diesem schweren Bürotürenplopp, erstirbt die Unterhaltung. Minutenlang sagt keiner ein Wort. Bis sich jemand findet, der wiederholt, was er schon ein paar Mal gesagt hat. Dann kommt Spoerr und setzt sich wieder wortlos auf seinen Platz. Das Gespräch geht exakt an der Stelle weiter, an der es aufhörte, als er den Raum verlassen hatte.
Fazit? Die Werber sollen ihren Entwurf überarbeiten. Mehrmals vergewissert sich Spoerr, ob der Werbeleiter seine Argumente nachvollziehen kann. Seine Freude an hart ausgetragenen Diskussionen trägt ihm, wie er zugibt, oft die Kritik von Mitarbeitern ein. Nicht jeder gibt bereitwillig so viel Zeit her wie er.

Rezept 7:
Guten Appetit! Guten Appetit?

In Spoerrs Arbeitszimmer warten die Personalleiterin und ihre Stellvertreterin. Die Freenet AG hat keinen Personalchef. Spoerr selbst genehmigt jede Vertragsänderung, jede Gehaltserhöhung. Er will Ungerechtigkeiten vermeiden. Bei jedem neuen Vertrag hat Spoerr detaillierte Änderungswünsche, während er aus einem grünen Freenetbecher eine Fertigsuppe trinkt. Danach macht er sich über den Teller mit Schokoriegeln her. Wenn die Personaler nicht weiterwissen, holt er seinen Taschenrechner und rechnet selbst den Kostenvorteil nach. Man begreift, was Spoerr meint, wenn er sagt, dass er niemals im gläsernen Turm einer Vorstandsetage, weit weg von den Leuten, arbeiten will. Gerade geht es um eine halbe Stelle in einem Callcenter, da bittet ihn seine Pressesprecherin, eine Mail zu lesen.
Was Spoerr nun am Schirm liest, steht am nächsten Tag in der Zeitung: Die Nachrichtenagentur Reuters meldet: Druck auf Freenet-Chef Spoerr wächst.
In der Meldung heißt es: „Mangels einer erkennbaren Strategie für die Zukunft des Unternehmens gehe die Geduld der Gesellschafter langsam zu Ende, hieß es am Montag im Umfeld des Unternehmens.“ Die Quellen bleiben anonym. „Kreise“ sagen: „Die Mehrheit sei da, um auf einer außerordentlichen Hauptversammlung einen Wechsel des Managements herbeizuführen.“
Spoerr starrt auf den Schirm. Zwei Hauptaktionäre versuchen seit Monaten, ihn von der Spitze des Unternehmens zu drängen. Zu diesem Zweck haben sie auch die Ablösung des Aufsichtsratsvorsitzenden der Freenet AG, des früheren RTL-Chefs Helmut Thoma, betrieben, bislang ohne Erfolg. Was sich seither bei Freenet abspielt, wird in der Presse mal als Krimi, mal als Schlammschlacht bezeichnet. Spoerr sagt leise: „Keine Namen. Dabei können nur die das sein. Das ist so lächerlich.“ Dann widmet er sich übergangslos der Frage, ob bei einem Vertrag die Altersvorsorge ab dem 60. Lebensjahr in normale Gehaltszahlungen umgewandelt werden kann.
Natürlich nicht, murmelt Spoerr.

Rezept 8:
Im Porsche telefonieren

Auf der Fahrt nach Büdelsdorf hat Eckhard Spoerr einen kleinen Handy-Knopf im Ohr und führt, bei Tempo 230, private und berufliche Gespräche. Sie fangen immer mit dem Thema an, um das es beim letzten Gespräch ging. Oft sagt Spoerr: Darüber reden wir mal in Ruhe. Spoerr fährt zu einem Jour fixe mit Führungskräften in der Firmenzentrale. Solche Treffen finden stets nach 18 Uhr statt, weil das leitende Personal vorher für seine Leute da sein soll. Spoerr leitet zwei Abende in der Woche solche Treffen. Wenn sie um 22 Uhr zu Ende sind, ist man schnell durchgekommen. Außerdem kennt Spoerr leitende Mitarbeiter, die nach zehn „total abbauen“.
Das müsse man ja berücksichtigen.

Rezept 9:
Auf den Tisch hauen

Der Holzglasklotz in Büdelsdorf ist hell erleuchtet. Spoerrs Büro ist im Stil amerikanische Firmen ein Glaskasten im Großraum. Er hat seinen Mantel kaum auf den Stuhl geworfen, da steht der Personalleiter in der Tür. Ein Außendienstmitarbeiter hat im Jahr 75 000 Kilometer für die Firma zurückgelegt. Er liegt über der Grenze. Bekommt er das Geld trotzdem zurück? Der Vorstandsvorsitzende rechnet dem Personaler auf seinem Taschenrechner vor, dass dieser Mann dann 187,5 Tage acht Stunden am Tag nur Auto gefahren sei. „Entweder macht er was falsch oder wir.“
Dann klingelt das Telefon, und der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Thoma ist am Apparat: die Reuters-Meldung.
„Jaja“, murmelt Spoerr. „Das habe ich gelesen.“ Dann mit lauter Stimme: „Was soll man gegen so eine Argumentation machen? Die ‚Kreise’ – das ist doch schlichtweg verlogen, was da steht.“ Spoerr haut mit der Faust auf den Tisch.
Sofort findet seinen Stimme wieder ihren etwas monotonen Gleichklang mit schwäbischem Vokalimport. Am nächsten Tag wird Helmut Thoma der Presse sagen, dass er weiter hinter Spoerr steht.
Spoerr liest die neuen Börsenwerte vor. Sie sind schlecht, auch für Freenet. Er schaut auf. „Das ist schon verrückt. Man arbeitet sehr hart und konzentriert für Leute, die einen dann angreifen.“
„Aber mit Druck können Sie offenbar gut umgehen?“
Spoerr grinst, wie Sportler grinsen, die wissen, dass sie ein gutes Spiel gemacht haben. „Ja schon, oder?“ Für einen Moment weicht sein Tunnelblick einem nachdenklichen Lächeln. „Der Unbesiegbare hat die Financial Times Deutschland geschrieben.“ Er schüttelt den Kopf. „Aber das ist nicht wahr, irgendwann erwischt es jeden.“
Stille.
Aber Spoerr lässt nicht nur beim Fausthieb Dampf ab. Wer schlecht vorbereitet ist, der bekommt das mitgeteilt. Einmal lässt er das Wort „Dreckzeug“ fallen, als ihm ein ungenau ausgefülltes Formblatt vorgelegt wird, eigentlich eine Kleinigkeit. Aber Eckhard Spoerr wird da trotzdem auffallend laut.
Er schaut auf die Uhr. Im Konferenzraum 1 warten die Manager, die auch aus Stuttgart und Erfurt angereist sind. Drei Stunden lang geht es um Anpassung von Handytarifen, Rabattaktionen und den Stellenabbau bei Debitel in Stuttgart. Wieder nur Zahlen. Spoerr erinnert die Manager daran ihr Alleinstellungsmerkmal nicht aus den Augen zu verlieren: „Wir sind zehn Prozent billiger!“ Er trinkt die vierte Cola light und holt sich zwei Teller Ravioli vom Büffetwagen.
Einer der Manager erzählt anschließend bei einer Zigarette, so sanft wie heute sei Eckhard Spoerr aber normalerweise nicht. Controller Matthias Ganz ist dennoch ein glühender Verehrer Spoerrs, der „positiven Druck“ erzeugen könne und „niemals persönlich“ werde. „Es gibt kaum Chefs, die beides gleich gut können: die große Strategie entwerfen und das operative Geschäft lenken. Er kann das.“ Danach geht Ganz, 35 und ledig, zurück zu seinem Schreibtisch.

Rezept 10:
Um das Ende wissen

Um 23 Uhr schlittert Spoerr überraschend auf dem Weg zu seinem Porsche mit einem langen Tanzschritt über den Asphalt – um die Straßenverhältnisse zu prüfen: „Sehr schön, nicht glatt!“
Entsprechend schnell ist er in Kiel, wo der Geschäftsführer des größten Callcenters der Freenet AG auf ihn wartet. Dreißig Minuten später fährt Spoerr nach Hamburg zurück. Es ist weit nach Mitternacht. Alle Telefonate sind erledigt. Es ist nun endlich eine günstige Zeit für das Interview, das er nicht führen wollte, und das er trotzdem den ganzen Tag parallel zu Meetings, Telefonaten, Einzelgesprächen geführt hat. Morgen wird er um 8.30 Uhr nach Stuttgart fliegen, abends ist ein Geschäftsessen in München angesetzt. Auf die Frage, ob er im Vier Jahreszeiten oder Mandarin absteige, antwortet er verblüfft: „Bitte? Was soll ich da? Ich zahle nie mehr als 89 Euro.“ Viermal die Woche endet sein Tag nicht vor Mitternacht.
Am Wochenende schläft Eckhard Spoerr 12 bis 14 Stunden am Stück. „Sonst würde ich das hier nicht durchhalten.“ Eine Familie passt nicht in dieses Leben, in dem er bislang neun Jahre lang eine New-Economy-Firma aufgebaut und dann unbeschadet durch das New-Economy-Desaster geführt hat. Spoerr spricht von Freenet als seinem Baby. Und von dem Spaß, den es ihm macht, im Kontakt mit Menschen gemeinsam eine Firma voranzubringen. Der Vorwurf, er sei rücksichtslos im Umgang mit Mitarbeitern, verletzt ihn zutiefst, wie er sagt. Aber: „Wenn einer behauptet: Das kannst du nicht, dann spornt mich das noch mehr an. Dann will ich es unbedingt schaffen. Egal, wie sehr ich mich reinhängen muss.“ Spoerr fährt jetzt nur 150. Ob er Alkohol brauche, um nach einem solchen Tag abschalten zu können. Nein, er könne sofort schlafen, das sei wie ein Geschenk. Der Sport fehlt ihm, die Freunde aus der Firma trifft er nur selten.
Der Hamburger Stadtrand ist dunkel. Spoerr dreht sich unvermittelt zu seinem Beifahrer und sagt: „Ich weiß nicht, ob ich weitere 20 Jahre lang die Freenet noch größer und immer noch größer machen möchte. Ich möchte nicht irgendwann 60 sein und dann sagen müssen: Das ist das Einzige, was ich getan habe.“
Noch ein Seitenblick. Spoerr: „Ich möchte ja irgendwann auch Kinder haben. Haben Sie Kinder?“
„Zwei.“ Ein paar Sätze über Kinder. Spoerr blickt geradeaus. Dann sagt er, wie so oft: „Ja, genau.“ Und dann sagt er nichts mehr. Er erzählt jetzt keine Geschichten mehr, wie alles anfing, von den Kollegen, die zu Freunden wurden. Zum Telefonieren ist es eh zu spät.
Erst jetzt fällt auf, dass er auch beim Autofahren an den Zeigefinger seiner rechten Hand einen Kugelschreiber geklemmt hat. Für Notizen.



Text zum Foto:
Eckhard Spoerr konnte gar nichts anderes als Vorstandsvorsitzender werden: Vater und Mutter Steuerberater. Abiturnote 0,8. Leistungssportler. Betriebswirtschaftsstudium in den USA. Unternehmensberater – jetzt arbeitet Spoerr mindestens 70 Stunden pro Woche, wenn er das Wochenende frei hat. Die Freenet AG nennt er manchmal sein Baby.





Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: freenet: Die schöne Welt des Eckhard Spoerr (cyriad)
Wenn Spoerr damit bezweckt hat, sein Image aufzupolieren, dann ist das aber vollkommen misslungen. Seine Kritiker wollen doch nicht wissen, wie fleißig er ist. Die stören sich doch an seinem Managementstil. Mit diesem Porträt hat er das noch mal bestärkt.
Das was hier beschrieben wird, ist doch wohl bitte nicht ernsthaft der Arbeitsalltag eines Vorstandsvorsitzenden?
Werbespots genehmigen, mit den Werbern ein Logo diskutieren, der Personalabteilung mit dem Taschenrechner einen Kostenvorteil für eine Teilzeitstelle im Call-Center erklären oder die gefahrenen Kilometer eines Außendienstmitarbeiters vorrechnen.
Wenn das alles wirklich so stattfindet, dann gibt es dafür nur zwei Erklärungen:
Erstens: freenet hat vollkommen unterqualifiziertes Personal. Eine Personalabteilung, die nicht in der Lage ist, Fragen zur Altersvorsorge ohne den Vorstandsvorsitzenden zu beantworten. Ein Personalleiter, der nicht selbst rechnen kann, ob die Angabe eines Außendienstmitarbeiters plausibel ist. An dieser Stelle käme jedenfalls noch ein Managementversagen hinzu, da offensichtlich keine Kontrollsysteme eingeführt wurden, die einen möglichen Betrug schon viel früher erkennen lassen. Ein Call-Center-Geschäftsführer, der nicht selbst über eine Teilzeitstelle entscheiden darf und dafür nachts noch auf den Vorstandsvorsitzenden warten muss. An dieser Stelle musste ich mir vorstellen, wie René Obermann den Teilzeitvertrag eines Call-Center-Mitarbeiters liest.
Oder zweitens: Spoerr ist ein Kontroll-Fanatiker, der niemandem über den Weg traut und sich alles vorlegen lässt. Diese Erklärung wäre einleuchtend. Menschen, die bei jeder Gelegenheit versuchen, andere über den Tisch zu ziehen und für sich selbst jeden Vorteil herauszuholen, müssen das zwangsläufig auch von anderen annehmen. Für das Management eines wirklichen Konzerns hat Spoerr sich mit dieser Selbstdarstellung jedenfalls disqualifiziert.
Dass er Ungerechtigkeiten vermeiden möchte, indem er selbst jeden Arbeitsvertrag genehmigt, ist aber eine abenteuerliche Begründung. Scheinbar gibt es bei freenet keinen Standardarbeitsvertrag. Das wäre aber das richtige Instrument zur Vermeidung von Ungerechtigkeiten.
An der Stelle der Spoerr-Kritiker könnte man jetzt eigentlich entspannt sein. Das „Problem Spoerr“ wird sich auch von selbst lösen, wenn der Mann weiterhin meint, seine Position mit Quantität statt Qualität behaupten zu müssen. Wer 70 Stunden pro Woche (ohne Wochenende wohlgemerkt) arbeitet und sich von Fertigsuppe, Schokoriegeln, Ravioli, Cola Light und Zigaretten ernährt und keinen Sport macht, wird in naher Zukunft entweder gesundheitlich ausgeknockt oder schläft irgendwann nachts am Lenkrad des Porsche zwischen Kiel und Hamburg ein.


Mir nach!



Suche

Ältere Artikel
12. Januar
·Weltbild: Weg mit dem Schmuddelkram, nicht wirklich
14. Dezember
·Siemens vergeigt Krankenhaus-IT in Wien
01. Dezember
·"Lehrer offline": Schuhbeck gegen Schuhbeck
28. November
·Ströbele: Wie man einen lächerlichen Vorfall noch lächerlicher macht
23. November
·Braucht jemand Weltbild?
·First Mail: So schnell?
22. November
·First Mail: Final mit Ankündigung(?)
13. November
·caatoosee - Jetzt ist der Final final
22. Oktober
·Baron der Woche: Siegfried Kauder (CDU)
21. Oktober
·Alle Äpfel dieser Welt gehören mir

 
Sämtliche Logos und eingetragene Warenzeichen sind Eigentum der jeweiligen Besitzer.
Für den Inhalt der gemeldeten Nachrichten, der Kommentare und der gesetzten Links, ist der Initiator des betreffenden Beitrages verantwortlich.