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07:44 Donnerstag, 23. Oktober 2008
"habe hunger weil spreeflittchen heute nicht da war weil Leute Ihr essen nicht bezahlt haben."
So ähnlich kam es gerade über Twitter und nach kurzer Verblüffung trifft mich das deja vu mit voller Härte - es ist also wieder soweit. Das Geschäftsmodell der genannten Spreeanwohnerin entspricht dem legendären "snacker" aus der ersten Webblase. Der Dienst bringt stellt Essbares im Büro zur Verfügung und verläßt sich darauf, dass jeder, der sich nimmt, entsprechend in die Kasse zahlt. Aber keine Angst, das wird jetzt kein Boo über Lieferdienste ;-), es geht eher um die grundlegenden Aussichten und die Zukunftsträchtigkeit von Geschäftsmodellen. Das - schon fast romantisch vertrauensvolle - Geschäftsmodell von snacker und der Berliner Schnittchentussi funktioniert im Boomzeiten, da sind wir alle locker drauf, gut gelaunt, verdienen zumindestens die Miete und nach dem IPO (web1.0) bzw. Aufkauf durch Google/Holtzbrinck (web2.0) sind wir eh alle reich - wer wird denn da zum Spaßverderber werden? Doch mit dem Stimmungswechsel verrohen die Sitten, das Geld ist knapp, VC nicht in Sicht, was man hört geht der Laden eh in drei Monaten hoch und die Kollegen wetten schon wer der Nächste sein wird - also nach mir die Sintflut, man muß mitnehmen was geht. Nun verlassen wir wir die Boxhagener Straße in Friedrichshain mit seinen hoffnungslosen Startups und überlegen, was die Lage für Konsequenzen für die Startup-Szene (abseits des nun leeren Kühlschranks) hat. (1) no (more) vc So ziemlich jede VC-Gesellschaft hat an die finanzierten Startups klare Anweisungen gegeben; viele dieser Unterlagen sind im Web zu finden (z.B. http://www.techcrunch.com/2008/10/10/sequoia-capitals-56-slide-powerpoint-presentation-of-doom/), hier mal kurz die Infos zusammengefaßt: - wer jetzt noch kein VC hat, braucht in absehbarer Zeit gar nicht erst darauf zu hoffen - wenn die Kapitaldecke für weniger als ein Jahr reicht, dann muß man solange Kosten reduzieren (sprich: Leute entlassen) bis es für mindestens ein Jahr reicht - die Konditionen für die Kapitalbeschaffung (soweit dies überhaupt noch möglich sein wird) werden sich *drastisch* verschlechtern (d.h. Wucherzinsen und einseitige Verträge) - der Anzeigenmarkt verschlechtert sich drastisch - die Aussichten im eCommerce-Bereich und Mobilbereich sind auch nicht mehr rosig - sowohl für die Investitionen im eCommerce als auch im Enterprise-IT-Umfeld sieht es übel aus. - die Rezession wird lange dauern - vermutlich sogar sehr lange. - Strategie: Mit einem minimalen Kernteam einigeln und überwintern oder gleich den Laden zumachen. (etc. etc. etc.) (2) Sparmaßnahmen - wohin man sieht Dass ein KFZ-Hersteller der unteren Mittelklasse drei Tage nach dem Börsencrash Kurzarbeit oder die gar die Schließung von Werken verkündet, hat natürlich trotz gegenteiliger Behauptung kausal nichts mit dem Vorgängen an der Börse zu tun. Hier kommen drei Effekte zum Tragen: a) Im Moment kann man jede Einsparung, Reduzierung, etc. prima den Börsen und den unfähigen Banken anhängen und hört so keine Vorwürfe; sowas ist doch wesentlich angenehmer als die eigenen Fehlplanungen der Vergangenheit eingestehen zu müssen oder den angesammelten Speck aus guten Zeiten mittels hoher Abfindungen zu entfernen. b) Zudem fallen solche Nachrichten in der momentanen Lage eh nicht auf (siehe etwa http://www.techcrunch.com/layoffs/). c) Die Aussichten auf einen wahrscheinlichen Abschwung verleiten außerdem zu einem Angstsparen bei Endverbrauchern und Unternehmen. Aber ganz egal, was nun der wahre Grund für die Einsparungen ist, das Resultat sind in jedem Fall deutlich weniger Arbeitplätze und gestrichene (oder bestenfalls verschobene) Investitionen. Wenn ein Großkonzern hustet, dann krepieren mittelfristig Hunderte von abhängigen Klein- und Mittelstandsbetrieben, womit sich Investions- und Arbeitsplatzabbau nochmal beschleunigen und sich die Prophezeiung des Abschwungs von selbst erfüllt. (3) Querfinanzierung ... fällt aus Wenn ein Startup kein VC auftreibt, dann gibt es auch oft den Ansatz, dass Teile der Mannschaft per Bodyleasing für die üblichen Großkonzerne (Siemens, SAP, ...) malochen um die Produktentwicklung des Startups zu finanzieren; das dauert zwar entsprechend länger, hat aber schon gelegentlich funktioniert. Mit einem Einstellungsstop und Abbau von Fremdarbeitern bei SAP, drastischen Kostensenkungsprogrammen bei Siemens und den anderen Verdächtigen ist dieser Markt aber auch gerade am Kippen. Das Heer an Freelancern, das sich in den guten Zeiten gebildet hat, wird zunehmend Probleme bekommen unterzukommen, das Angebot an Frischfleisch wird durch die Entlassungswellen im IT-Bereich drastisch anwachsen und die Stundensätze für die wenigen verbliebenen Jobs in den Keller schicken. (4) Ein dämliches Geschäftsmodell ohne Geld ist ein totes Geschäftsmodell Ich habe jedes Verständnis für Techies die jedes neue Feature der 37ten Ajax/Javascript-Bibliothek ausprobieren müssen und die ganz high von der Eleganz und Effizienz neuer Web-Frameworks werden. Mein Verständnis endet dagegen schlagartig, wenn aus diesen Spielereien Startups ohne sinnvolles Geschäftsmodell werden. Gehen wir mal die gängigen Web 2.0-Geschäftsmodelle durch: 4a) Finanzierung durch Werbung: vermutlich 95% Benutzer mit klarem Verstand haben einen Werbeblocker installiert und generieren keinen Umsatz. Die restlichen 5% blenden Werbung komplett aus oder verlassen eine Webseite wenn diese zu stark nervt. Hirnlose Dummies sind eh pleite und damit für die meisten Werbeanbieter nicht interessant. Wie oben beschrieben werden die Einnahmen aus Werbung stark zurückgehen, das reicht dann mal für ne Currywurst, aber sicher nicht zur Finanzierung/Aufbau eines Unternehmens. 4b) Merchandising: Schon mal jemanden getroffen, der Geld für ein schlecht gedrucktes Werbe-T-Shirt von Plazes ausgegeben hat? Eben. Wer schon kein Geld für einen Dienst ausgeben will, der will bestimmt kein Geld *zahlen* um dafür Werbung zu machen. 4c) Premiumdienste: Das *kann* funktionieren, wenn man es schafft, eine marktbeherrschende Stellung mit seinem Dienst zu erlangen. Ich gebe zu, dass ich immer wieder überrascht bin, dass es wirklich zahlende User bei Xing gibt (auch wenn die meisten nur Headhunter und Makler sind, die so leichter an Spam-Opfer gelangen und zu dumm sind, um zu erkennen, dass man viele Premium-Features auf Umwegen auch mit einem kostenfreien Zugang nutzen kann). Bei der Vielzahl von neuen Diensten und 99,9% me-too-Anteil erlangt man aber ohne Marketing-Millionen keinen ersthaften Marktanteil, mit dem man Kunden so stark an sich binden kann, dass sie sogar Geld für Premium-Dienste zahlen, die mindestens 5 Nachbauten mittlerweile kostenlos anbieten. 4d) späterer Wechsel von kostenfrei auf kostenpflichtig: Analog c, ich kenne keine Webseite, die sowas überlebt hat. Bleiben noch die klassischen Geschäftsmodelle: 4e) ausschließlich kostenpflichtig (old skool) Dafür muß man den Kunden überzeugen, dass man ihm einen echten Mehrwert bietet und er diesen auch nirgendwo anders in gleicher Qualität kostenlos erhält ===> Porno-Seiten 4f) anteiliger Gewinn an dem Geschäft anderer (Makler / Shop-in-Shop) Jeder haßt Makler, warum sollte sich das gerade im Web ändern? Während es im direkten Umgang schon ein gehöriges Maß an Unverfrorenheit und eines guten Rechtsanwalts bedarf, um einen Makler nachträglich zu umgehen, sind im Web die Hürden viel niedriger. Zudem ist der Markt extrem überladen und jede neue Seite macht mit Gratisangeboten zum Start das Geschäft der bestehenden Lösungen kaputt. (5) Ein Startup ohne professionelles Marketing ist ... tot. Ich bewerte regelmäßig Startup-Ideen, soll meine Meinung zu den Aussichten äußern und am besten gleich einsteigen. Früher klemmte es dabei oft am technischen Verständnis (Umsetzbarkeit) oder an der Usability; diese Probleme treten in der letzten Zeit nur noch selten auf. Um so hilfloser sind in letzter Zeit die Konzepte in Sachen Marketing, hier ähnelt das Vorgehen immer mehr den Ameisen als Projektmanagement-Klassiker (http://data.blogg.de/1095408/images/Projektplanung.jpg). Die Gründer sind schon derartig im elevator-pitch-Modus, dass sie davon ausgehen, dass sich ihre Idee wie von alleine verbreitet, weil jeder nichts besseres zu tun hat, als alle seine Freunde sofort von diesem genialen "You-Tube & Digg-Clone" oder "Kooperationsplattform zum Austausch von sonstwas" zu unterrichten. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass dies nicht eintritt, so lese ich dann immer etwas von viralem Marketing, genialen kleinen sich-selbst-verbreitenden YouTube-Videos und der Verbreitung der frohen Botschaft durch Community-Features, Tagging und "diesem ganzen Web2.0-Zeug". Leider lese ich nicht, wer sowas erstellen kann und mit welchem Geld das passiert (hier kommen wir wieder auf das leidige Thema "Geschäftsmodell"). Noch schlimmer: Wenn das supervirale Video dann doch nicht zündet und die Community dahinsiecht, dann muß man richtig Geld in die Hand nehmen um die Idee zu pushen, man braucht Kontakte zur Presse (die Herren in Beige und Schlammgrün warten noch immer auf die Rückkehr der Startup-Buffets) und Mitarbeiter, die wissen, wie man Marketing betreibt und wo gezielte Werbung hilft und wie man solche entwickelt. Fazit: Da in absehbarer Zeit kein VC-Geld zu erwarten ist, muß also das Geschäftsmodell zukünftiger Startups schon nach kurzer Anlaufphase profitabel sein. Wer sich mit Startup-Plänen beschäftigt, sollte dies dringend bei der Auswahl des Geschäftsmodells bedenken und auch eine Finanzierungsquelle für das Markeing haben; beim nächsten Startup-Plan in dem ich das viral lese, gibts aufs Maul - versprochen. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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