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11:15 Freitag, 05. September 2008
Ich muss zugeben, ich hab die jährliche ARD-/ZDF-Onlinestudie immer gemocht. Bessere Zahlen und einen glaubwürdigeren Zeugen gegen den Unsinn der PC-Gebühr gab’s nirgends. Nur dieses Jahr schien mir die Studie nicht mehr ganz koscher. Das begann mit der Vorabmeldung im Juni. "Internetnutzung steigt weiter an - Treibende Kraft: Videos im Netz" hieß die Schlagzeile. Und im Text stand Erstaunliches zu lesen:
"Beflügelt wird die rasante Entwicklung der Internet-Verbreitung in Deutschland durch die steigende Nachfrage nach multimedialen Anwendungen im Netz: 55 Prozent (2007: 45 Prozent) aller Onliner rufen Videos, zum Beispiel über Videoportale oder Mediatheken, ab und schauen live oder zeitversetzt Fernsehsendungen im Internet." Für Vielnutzer des Webs mögen die Zahlen nicht besonders hoch sein, da Videonutzung vielleicht eine Selbstverständlichkeit ist. Tatsächlich ist es aber so, dass die meisten Nutzer nicht technisch versiert sind, sich nur mit Schwierigkeiten im Netz zurecht finden und gerade aus diesem Reservoir rekrutieren sich die neuen Internetnutzer. Daher war die Zahl der Videonutzer tatsächlich nie besonders hoch. Im Jahr 2007 hatten bei der Onlinestudie von ARD und ZDF auf die Frage "Sehen Sie zumindest selten Videodateien im Internet?" nur 25% der Internetnutzer "Ja" gesagt. Nun stand da aber eine 45% für 2007. Wo kam die her? Eine Anfrage beim ZDF ergab, dass nun auch die Besucher von Videoportalen mitgezählt würden. Die Diskrepanz zwischen der im Jahr 2007 unveröffentlichten Anteilszahl der Videoportalbesucher und der veröffentlichten Anteilszahl der tatsächlichen Videonutzer wurde in der Pressemeldung einfach zu "rufen Videos … ab" glattgebügelt. Noch dreister ging es dann in der im August 2008 veröffentlichten Studie zu: "Inzwischen nutzen 55 Prozent aller bundesdeutschen Onliner zumindest gelegentlich Videoanwendungen im Netz, 2005 waren es nur 25 Prozent." Zum ersten wurden zwei Zahlen verglichen, die nicht vergleichbar sind, weil 2005 Videoportalbesucher nicht erhoben wurden, aber nun in die Berechnung einflossen. Zum zweiten deckt die Bezeichnung "nutzen … Videoanwendungen" zu, dass viele, die schon mal ein Videoportal besucht haben, anscheinend gar nicht Videos geguckt haben, was aus den 2007er-Zahlen hervorgeht. Und zum dritten soll "zumindest gelegentlich" Wiederholungshandlungen andeuten. Tatsächlich basieren die Zahlen aber auf Angaben, ob überhaupt mal diese oder jene "Videoanwendung" genutzt wurde (wozu auch der einmalige Videoportalbesuch zählt). Natürlich beherrschten die tollen Videozahlen dann auch die Pressemeldungen zur Studie, was ja wohl Sinn der Sache war im Kampf um die Beteiligung der öffentlich-rechtlichen Sender im Internet. Nun hat TNS-Infratest eine repräsentative Umfrage zur Netznutzung in Zusammenarbeit mit der ARD-Werbung(!), IP Deutschland, Unitymedia und dem ZDF(!) durchgeführt. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass "Videos, Videopodcasts und Clips von 27 Prozent über das Internet gesehen werden". Damit bewegt sich der Wert in dem Rahmen, in dem sich die Onlinestudien von ARD und ZDF bewegten, bevor sie auf die heiße Idee kamen, einmalige Videoportalbesucher zu Videoguckern zu erklären, obwohl die eigenen Zahlen das Gegenteil zeigten. Der so erzeugte Boom hat sich mit einem "Bumm!" verabschiedet. Ob das jemandem auffallen wird? Ich glaub es nicht, denn auch TNS-Infratest versucht in Optimismus zu machen, indem sie titeln "Medienkonvergenz auf gutem Weg". Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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