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08:54 Samstag, 18. August 2007
SPD-Problembär Beck war gerade in meiner Exil-Heimatstadt Kassel. Auf der Documenta machte er den Big Deal Man der Sozialdemokratie. Seine Peinlichkeit fiel nicht weiter auf im geschäftigen Wirrwar der symbolischen Politik ohne Konzepte.
Während über des Problembären-Besuch auf der Documenta devotes und willfähriges Zeugs seitens der schreibenden Lakaien zu lesen ist (so wurde er schon als Gesamtkunstwerk auf der Documenta bezeichnet), habe ich das ja etwas anders erlebt. Da kamen ihm Tränen der Rührung, als ein afghanischer Frauenchor auf afghanisch die Internationale sang, doch glaube ich sicher sagen zu können, dass die unter internationalem Befreiungskampf etwas anderes verstehen als sozialdemokratische Bierzeltgemütlichkeit. Da erläuterte eine Krankenschwester ein in Afghanistan eingesetztes vorgeführtes Feldlazarett und erklärte lächelnd, hier würde die Triage durchgeführt, eine Unterteilung der Patienten in unterschiedliche Behandlungsgruppen. Ich hätte ja fast in irgendein Kunstwerk gebissen, als ich das hörte. Triage heißt Ausmerze und bezeichnet eine Praxis der Militärmedizin, nach der Patienten bevorzugt behandelt werden sollen, wenn sie schnell wieder frontfähig sein können, während man schwerer Verletzte, die nicht so bald wieder tauglich sind, bewusst vernachlässigt und die schwersten Fälle verrecken lässt, weil sich deren Rehabilitation von der militärischen Verwendbarkeit her nicht mehr rechnet. Aber man war guter Laune, lächelte staats- aber nicht sehr weltmännisch und widmete sich der Rippschebekämpfung, im Kasselerland immerhin eine ebenso patriotische Aufgabe wie andernorts die Terroristenbekämpfung. Es hätte eigentlich der Documenta als angeblich avantgardistischer Kunstveranstaltung gut zu Gesicht gestanden, wenn während der Vorführung ein großes Transparent mit abgebildeten Bundeswehrsoldaten im Einsatz heruntergelassen worden wäre und dem Schriftzug: "Täglich krepieren, Hurrah!" Echt, dann wäre das eine wirklich gelungene Veranstaltung gewesen und vor allem - ein Gesamtkunstwerk. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Triage (hockeystick)
...heißt keineswegs "Ausmerze". Der Begriff an sich gilt auch nicht als anstößig. Das Wort kommt zunächst einmal von "sortieren" und beschreibt ein ethisch heikles Feld der Militär- und Katastrophenmedizin. Die erwähnte Selektion nach Frontfähigkeit mag es durchaus gegeben haben, war und ist aber sicher nicht die Regel.
In jedem Fall gibt es bei dem Begriff überhaupt nichts, aber auch wirklich gar nichts zu lächeln. Siehe auch http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=42936
Re: Triage (netbitch)
OK, ich kannte die Triage nur aus der politischen Diskussion um Militärmedizin, Medizin im NS und die Nachkriegskontinuitäten - altes IPPNW- und Materialien-Thema. Aber auch wenn es eine zivile Triage gibt, bleibt bestehen, das es da nix zu lächeln und zu prosten gibt.
Re: Triage (Dreiteilung) ist ein uralter Begriff. (Tomahawk)
Zwar stammt er von den Militärärzten der napoleonischen Armeen, die Verwundete in drei Gruppen einteilten und in dieser Reihenfolge behandelten:
(a) Wer hat die größten Chancen, durch schnelle Behandlung (damals so gut wie immer: Amputation zerschmetterter Gliedmaßen, weil der Wundbrand noch nicht beherrschbar war; noch wichtiger war das Flicken von Arterien und Venen) zu überleben? (b) Wer kann ein paar Stunden (während wir uns um die akut Blutenden kümmern) auf Verarztung warten, weil seine Verwundung minder schwer ist? (c) Wer hat keine Chance, seine Verwundung zu überleben? (Also wenden wir begrenzte Zeit- und Personalressourcen lieber für die Überlebensfähigen auf.) Die Triage war und ist keine Abstufung nach baldiger Neuverwendung im Kriegsdienst; selbst zu Zeiten Napoleons war sie eher von humanitären und pragmatischen Gründen getragen; denn damals war sogar ein Streifschuss, dank allgegenwärtiger Septik, ein mögliches Todesurteil. Auch heutige Ärzte, nicht anders als ihre Kollegen in den bombardierten Städten Englands, Deutschlands und Japans im Zweiten Weltkrieg, wenden die Triage an: bei Natur- und Terrorkatastrophen (Katrina, Tsunami, 9/11, Irak, Afghanistan, etc.). Es ist die einzige halbwegs faire Art, vorhandene Ressourcen wirksam auf vorhandenes Leid zu verteilen. Und ein herzliches Servus an Dich, Netbitch: Du bist ein kluges, fundiert denkendes Frauenzimmer -- sofern "bitch" hier auch gendertechnisch stimmt. Servus!
Blödfug erster Kajüte (porschekiller)
Sorry, aber wer in Kassel war, der hat diese nöhlenden "Marktplatz-Stimme" aus dem "Äther" einiger vollends vergeigter Lautsrpecher-Artikulationen nur als akustische Belästigung erfahren. Da war weder was Wahrnembares, auch kein Zurkentnissnahmes, nur akustischer Müll, der die ganze ansonsten sehr lockere Stimmung in Kassel dermassen störte, daß die meisten Besucher schon die Polente holen wollte.
Ich habe als Zuschauer immer nur den Eindruck gehabt, daß da Inszenierungen rund um das Mohnfeld nur den einzigen Grund hatten, nämlich Aufmerksamkeit zu erregen. Da war weder kultureller Background noch künstlerische Provokation anwesend. Family-Happening der Neuzeit, das war alles. Bloss nicht erigieren, bloss nicht abkotzen, bloss nicht stören, Wer diese documanta als Immanentum für eine neue documenta in Kassel vorschlägt, hat sie alle nicht mehr auf'm´Zaun.
Re: Blödfug erster Kajüte (netbitch)
Ich weiß aber nicht so recht, was das mit meiner Wahrnehmung des Beck-Besuchs zu tun hat.
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