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10:32 Freitag, 25. Mai 2007
Das ist Web 2.0, oder: einige Business-Typen (ein Hollywood-Produzent, ein paar Kerle, die vorher bei Yahoo und Google gearbeitet haben, und ein richtig guter Internet-Rechtsanwalt) setzen sich zusammen und schauen sich an, was es in Internet noch an kommerzialisierbaren Inhalten gibt. Der Markt für Katzenbilder, für Selbstdarstellung inklusive Musikgeschmack und für Studentenkontakte ist ja abgegrast. Aber da gibt es noch eine Gruppe, die generiert unglaublich viel Content und Aufmerksamkeit, seit Beginn des Webs schon, und hat noch überhaupt keine zentrale Anlaufstelle wie MySpace of Facebook: die Leser und Autoren von Fanfiction!
Fan Fiction sind Geschichten (teilweise ganze Romane), die besonders hingerissene Fans über die Objekte ihrer Begeisterung schreiben. Angefangen hat das mit Star Trek in den 1960er Jahren, in hektographierten 'Fanzines', und seit Ausbruch des Internets in den 1990er Jahren etablierten sich immer speziellere Grüppchen online, zogen von Compuserve-Gruppen zu Geocities-Homepages, dann Mailing-Listen und Yahoo-Groups, um schließlich in großen Mengen auf der Blogplattform LiveJournal.com aufzuschlagen. Es gibt zahlreiche Archive, die diese und jenes erlauben und dies oder das aber nicht, allen voran Fanfiction.net, auf dem Hunderttausende meist grottenhaft geschriebene Stories herumgammeln, geplagt von unerträglichen Rechtschreibfehlern und grauenhaften Mary Sues. In diese Marktlücke, in der nie ein Mensch zuvor gewesen war, wollten jetzt die Gründer von Fanlib.com vorstoßen. Das Besondere daran: Während Fanfiction vorher in einer Grauzone existierte, von den ursprünglichen Rechteinhabern entweder geduldet und ignoriert, oder abgemahnt*, behaupten die Gründer von Fanlib.com, das generelle Okay der Studio-Oberen zu haben, daß dort Fans Geschichten erzählen dürfen, die auf ihren Inhalten basieren, und auf diese Weise ihre Inhalte promoten, wie sie es schon immer getan haben. Nachdem also ein Businessplan stand, die VCs an Bord waren, und die Site zur Aufnahme von Inhalten bereit stand, wandte sich die Firma an einige der beliebtesten Fanfic-Autoren, sie sollten doch ihre vorhandenen Inhalte dort einstellen - es kostet auch nichts! Und es gibt sogar gelegentlich ein T-Shirt zu gewinnen. Man dachte sich wohl, wenn Personen von solchem Kaliber plötzlich alle dort auftauchen, dann ziehen sie ihre Leser und das ganze mindere Gschwerl mit, und man hat User- Zugriffszahlen wie MySpace. Nur hatten sie ihre Rechnung ohne die Generatoren ihres Contents gemacht, die schon auf dem Internet unterwegs waren, als die Hälfte der Kerle bei Fanlib.com noch aufs College gingen. Die sind nicht nur teilweise alt und erfahren, sondern Teil einer Kultur, die so alt ist wie das Internet, und sehr gut vernetzt und selbstorganisiert. Da gibt es etwa den MIT-Professor für Media Studies (der Link unten führt zu seinem Blog), der das Phänomen seit Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentiert, sich aber auch nicht zu fein ist, in einem Podcast-Hörspiel mal den Dumbledore zu geben. Alle diese Leute horchten auf und sagten, "Einen Moment bitte! Wir sind bereits organisiert und vernetzt, und was ist es nochmal, was ihr da wollt? Wir sollen kostenlos Inhalte beibringen, und dafür verdient ihr das Geld mit Bannerwerbung? Ihr erklärt unsere Texte zu eurem geistigen Eigentum, zu verwenden wie es euch gefällt, aber für rechtliche Probleme sollen wir weiterhin ganz alleine zuständig sein? So nicht! Wir wollen euch nicht!" Die Antwort von Fanlib auf die massenhafte Ablehnung durch ihre Zielgruppe(AAL-Gruppe?) entwickelte sich zu einem PR-Desaster, wie wir es im Mainstream schon von Transparency International, StudiVZ und ähnlichen Vereinen kennen, die einfach noch nicht mitgekriegt haben, wie vernetzt, reflektiert und bullshit-proof die Content Generating Users sein können. Es war jedenfalls eine weinerliche Mitteilung, die auf die Tränendrüse drücken sollte ('Wir arbeiten hier doch alle so hart, und extra für euch, und ihr seid so undankbar, und ich habe ein blökendes Blag am Hals buh huh huh!'), und seither hat sich der Spott nur noch verschärft. Die kriegen keinen Fuß mehr auf den Boden, und haben noch nicht mal angefangen. Die VC-Firmen können schon mal die Liquidatoren losschicken.- *Die amerikanischen Cease&Desist kosten beim ersten mal nichts; dort kann man nicht kostenpflichtig abmahnen. Könnte man das, dann würde es natürlich jeder machen, und es gäbe keine Fanfiction. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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