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20:00 Mittwoch, 10. Januar 2007
Reuters hat heute gute Nachrichten für Darmkrebspatienten: "In einer Studie habe sich gezeigt, dass das Mittel die Überlebenszeit von Patienten mit zuvor unbehandeltem fortgeschrittenen Darmkrebs verlängere, teilte Merck mit." Das wäre schön, aber es stimmt leider nicht.
Erbitux ist ein relativ neues Krebsmedikament, das unter anderem zur Behandlung von Darmkrebs eingesetzt wird. Die Darmstädter Firma Merck KGaA hat es zwar nicht entwickelt, besitzt aber außerhalb der USA die Vermarktungsrechte daran und hofft auf Milliardenumsätze. Auf der Seite erbitux.de wird es deshalb von Merck aggressiv und in rechtlich fragwürdiger Weise beworben. Schön wäre es aus Patientensicht, wenn ein Darmkrebsmedikament die mittlere Überlebenszeit verlängern, oder doch wenigstens die Symptome lindern würde. Das tut Erbitux nicht, wie der Pressemitteilung des amerikanischen Herstellers ImClone Systems Inc. zu den Ergebnissen der CRYSTAL-Studie heute im Kleingedruckten zu entnehmen ist: "Currently, no data are available that demonstrate an improvement in disease-related symptoms or increased survival with ERBITUX [...].". Das einzige, was offenbar in einem so geringen Maße verbessert wurde, dass lieber keine Zahlen genannt werden, ist der windelweiche und für den Patienten ziemlich irrelevante Endpunkt "Median der progressionsfreien Überlebenszeit". In kürzlich verlautbarten Ergebnissen einer weiteren Studie zu dem gleichen Medikament (Epic-Studie) war dieser Parameter zu Recht als "sekundärer Endpunkt" (nachrangiges Studienziel) bezeichnet worden, die Gesamt-Überlebenszeit dagegen als "Primärer Endpunkt" (vorrangiges Studienziel) angegeben worden. Beide Studien erzielten keine Verbesserung der Überlebenszeit. Während die erste Studie, in der die Gesamtüberlebenszeit als "Primärer Endpunkt" angegeben war, von der Finanzpresse zu Recht eher negativ aufgenommenen wurde, führt die neue Studie trotz gleichermaßen schlechter Ergebnisse nun zu einer Reuters-Jubelmeldung und zu zahllosen euphorischen Presseartikeln. Denn jetzt hat zwar kein Patient auch nur einen Tag länger gelebt, aber das "vorrangige Studienziel" ist geschafft. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
n-tv... (hockeystick)
...übernimmt die Reuters-Falschmeldung und stimmt http://www.n-tv.de/751673.html">hymnische Lobgesänge auf Erbitux an: "Mercks Glücksgriff Erbitux - Auf dem Weg zur Allzweckwaffe". Da kommt mir das kalte Kotzen.
Die Börsianer... (hockeystick)
...haben sich übrigens nicht sehr lange http://de.finance.yahoo.com/q/bc?s=MRK.DE&t=5d">veräppeln lassen, der kurze Kurssprung ist mittlerweile verpufft.
Re: Reuters fällt auf alten Pharma-PR-Trick rein und weckt falsche Hoffnungen (redsector)
Naja, man lebt ja nur statistisch länger... man kann ja nie sagen ob man ohne Erbitux gleich lang oder länger gelebt hätte.
Vielleicht wrd ja bald Erbitex aus Erbitux...
Nein (hockeystick)
Man lebt eben auch statistisch nicht länger, das ist ja der Punkt. Das Medikament hat nach dem aktuellen Wissensstand keinen Einfluß auf die mittlere Überlebensdauer, das schreiben die ja schwarz auf weiß.
Bei "Progression-free survival" liegt die Betonung auf "Progression-free", nicht auf "survival". Der Parameter bezieht sich auf den ziemlich unscharfen Zeitraum, in dem die Krankheit "nicht fortschreitet" (Metastasierender Krebs schreitet in Wahrheit leider meist ziemlich kontinuierlich fort, wenn man nur genau genug hinschaut). Der gemessene Zeitraum wird natürlich auch ohne ein festgestelltes Fortschreiten der Krankheit spätestens durch den Tod des Patienten beendet, daher das Wörtchen "Überleben/survival", das Reuters aufs Glatteis geführt hat. Wenn man nun z.B. ein Medikament hätte, das zwar das Krebswachstum minimal hemmt, aber einige Patienten durch seine Nebenwirkungen tötet, etwa durch die Zerstörung von gesunden Zellen, dann könnte sich die mittlere Überlebenszeit (oder der Median der Überlebenzeit) durchaus auch umgekehrt entwickeln wie der Median der progressionsfreien Überlebenszeit. Die Krankheit schreitet etwas weniger fort, aber die Patienten sterben statistisch trotzdem früher. |
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