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Publicis Vital PR Publicis Vital PR: Kuscheln im Postfach
INSIDER Publicis Vital PR von strappato

06:50 Dienstag, 21. November 2006

In diesem boocompany-Beitrag ging es um eine "Initiative", die sich als von einem Pharmakonzern bezahltes Marketing-Projekt herausstellte. Beteiligt natürlich eine PR-Agentur. Solche "Initiativen" und "Aktionsbündnisse sind ein gängiges Marketinginstrument der Pharmaunternehmen. Besonders ist mir ein Postfach aufgefallen, in dem es - per google aus der Ferne betrachtet - sehr kuschelig zugeht.
Die PR-Agentur Publicis Vital PR hat das Postfach 130 120 in 50495 Köln. Sie ist für die konzeptionelle und oft redaktionelle Betreuung solcher Initiativen und Aktionsbündnissen verantwortlich

Das Postfach wird aktuell genutzt:

  • Von der Initiative Bauchumfang ist Herzensache. Eine PR Initiative von Deutscher Adipositas Gesellschaft, der Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen (Lipid-Liga) und dem Unternehmen sanofi-Aventis. Domaininhaber ist die PR-Agentur.

  • Der Initiative Schutz der Weiblichkeit. Hier sind Kooperationspartner die Deutsche Leukämie- und Lymphom-Hilfe, der in die Kritik geratene Selbsthilfeverband mamazone, die Deutsche Kinderkrebsstiftung und die Deutsche Leukämie-Forschungshilfe Aktion für krebskranke Kinder. Sponsor der Veranstaltung: Das Pharmaunternehmen AstraZeneca. Die Domain hat eine "v3-agentur fuer medizinisches marketing GmbH" registriert.

  • Dem Initiativenbüro Brustkrebs bewegt. Auch eine Aktion von AstraZeneca für die das Unternehmen sich mit der Deutschen Sporthochschule Köln zusammen getan hat. Das Grusswort schreibt die Moderatorin Andrea Kiewel. Die Domain ist unter der Postadresse der PR-Agentur angemeldet.

  • Dem MS College. Partner: Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten, Deutscher Verband für Physiotherapie Zentralverband der Physiotherapeuten-/Krankengymnasten (ZVK), Frieling-Verlag Berlin, Feldenkrais-Gilde, Berufsverband für Kunst-, Musik- und Tanztherapie, Europäisches Shiatsu Institut Berlin, Centered Learning Bildungszentrum Klinikum Kassel. Sponsoren sind AstraZeneca und Teva Pharmaceutical, die die Domain registriert hat. Schirmherr ist übrigens Thomas M. Stein, bekannt aus der Deutschland sucht den Superstar-Jury.

  • Dem Aktionsbündnis Hoffnung bei Darmkrebs. Hier sind die Kooperationspartner die Stiftung Lebensblicke, die Barmer Ersatzkasse, die Sektion Gastroenterologie im BDI und als Sponsor das Pharmaunternehmen sanofi-Aventis. Koch Eckart Witzigmann darf ein Grusswort spenden. Der verantwortliche Redakteur ist Inhaber der Domain, die unter der Postadresse der PR-Agentur eingetragen ist.


Ausgezogen sind mittlerweile:

  • Die Beratungswoche Aktionsbüro Zeit zu zweit. Eine Marketing-Aktion von Lilly für das Potenzmittel Cialis®.

  • Schilddrüsen-Initiative Papillon, eine Aktion der Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin, dem Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker, der Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie der Bundesapothekerkammer und als Pharmaunternehmen sanofi-aventis. Aber nur für kurze Zeit, im April 2007 ist eine Papillon-Schilddrüsen-Gesundheitswoche angekündigt, die im Postfach stattfinden wird. Da trifft es sich, das die PR-Agentur die Eigentümerin der Domain ist.

  • Das Infobüro Aktiv gegen Diabetes, eine Initaitive der Berlin-Chemie/Menarini-Group.

  • Die Initiative Zündstoff Antibiotika-Resistenz. Hier haben sich die Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie, Deutsche Gesellschaft für Infektiologie und Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie zusammengeschlossen. Der Sponsor bleibt ungenannt. Betreut wird die Initiative nun von einem Unternehmen das konsequent sich dafür lobt, die Tätigkeiten eines Auftragsforschungsinstitutes mit denen einer Kommunikationsagentur zu verbinden.

  • Die Servicestelle Probiotika des Herstellers von Nahrungsergänzungsmitteln Orthomol.

  • Die Initiative Blasenschwäsche. Eine Initiative des "Selbsthilfeverbands Inkontinenz" und der Hartmann Gruppe (Inkontinenzwindeln) als Sponsor. Das Unternehmen ist auch Eigentümer der Domain.





Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: Publicis Vital PR: Kuscheln im Postfach (hockeystick)
Ich meine, so etwas wie drei Typen von "Initiativen" in dieser Branche zu erkennen:

Typ 1: "Initiativen", die unmittelbar von einer PR-Firma im Auftrag eines einzigen Herstellers ins Leben gerufen werden, die relativ unschwer als solche zu enttarnen sind (z.B. über das Impressum, den Denic-Eintrag). Beispiele siehe oben, offenbar eine Spezialität von Publicis Vital PR. Die Pharma-Firma zahlt Geld an die Initiative, an die PR-Firma und an die professoralen Mietmäuler.

Typ 2: "Initiativen", die von professoralen Mietmäulern ins Leben gerufen werden, die wiederum von den Pharma-Unternehmen für ihren Einsatz fürstlich entlohnt werden. Hierbei geht es i.d.R. nicht um ein einziges Produkt, sondern um eine Klasse von Produkten. Kommt eine geeignete neue Produktklasse (z.B. Acomplia) des Weges, wird diese mit in den Bauchladen aufgenommen. Bleibt ein Produkt aus dem Bauchladen auf der Strecke (z.B. Lipobay, Vioxx), dann werden von heute auf morgen die Pferde gewechselt. Hier treten die PR-Firmen einmal als Kunde der Pharmafirma und einmal als Kunde der "Initiative" auf. Die Finanzierung wird i.d.R. nicht offengelegt. Das ist deutlich intransparenter als Typ 1. Beispiele: Lipid-Liga, Deutsche Gesellschaft für Atheroskleroseforschung, Ärzteinitiative Raucherhilfe (alle wohnhaft im Waldklausenweg 20 in München, in Geh-Entfernung vom Klinikum Großhadern), oder die Knochenliga. Dieses Setup scheint eine Spezialität von Edelman zu sein.

Typ 3: "Initiativen", bei denen zum Gründungszeitpunkt vermutlich nicht ausschließlich Interessen der Industrie im Vordergrund standen, die sich dann aber durch Putsch oder schleichende Übernahme zum Vehikel der Pharmalobby gewandelt haben. Beispiel: http://www.boocompany.com/index.cfm/content/story/id/14314/">Deutsche Gesellschaft für Nikotinforschung, http://www.boocompany.com/index.cfm/content/story/id/13914">Deutsche Herzstiftung, ebenso zahlreiche kleinere "Patientenselbsthilfeorganisationen". Das ist ähnlich intransparent wie Typ 2 und insofern eine Spur perfider, als hier anders als bei Typ 2 tatsächlich wohlmeinende Bürger und Patienten instrumentalisiert werden.
Re: (strappato)
Diese Abgrenzung ist hilfreich, aber nur sehr grob. Das Feld ist komplex. Beispielsweise die Rolle der Medizinjournalisten wurde noch nicht angesprochen. Da bin ich auf einige interessante Dinge gestossen, die ich noch zusammenbringen muss.

Ich habe den Eindruck, das Internet ist auch eine Spielwiese, um die Grenzen des Heilmittelwerbegestzes auszutesten. Manche Informationen gehören klar zu denen, die in der Wrerbung eigentlich Fachkreisen vorbehalten sind.




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