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15:23 Montag, 09. Oktober 2006
Erst rund vier Jahre, nachdem der Pharmakonzern Merck nachweislich von den Gesundheitsgefahren wusste, die vom Schmerzmittels Vioxx ausgehen, hatte er das Medikament Ende September 2004 "freiwillig" zurückgezogen. Allein im Jahr 2003 setzte man eben noch mal schnell 2,5 Milliarden Dollar mit Vioxx um. Jetzt rollt die Klagewelle aus den USA nach Deutschland, rund 1000 der geschätzen 7000 Opfer wollen hierzulande klagen. Der Vioxx-Skandal ist auch ein Pharma-PR-Skandal. Lesen Sie hierzu den wahrscheinlich längsten Boo aller Zeiten:
Bereits im Oktober 2000 wusste Merck von den Gefahren für das Herz, die vom Gebrauch des Medikaments ausgingen, veröffentlichte die entsprechende Studie jedoch nur unvollständig. Über diese Datenmanipulationen berichtete (pdf) das "Arznei-Telegramm" bereits im September 2001 an prominenter Stelle. Bis September 2004 wartete der Pharmakonzern Merck dennoch, bis er das Medikament dann "freiwillig" vom Markt nahm. Die Zahl der Opfer in Deutschland wird auf rund 7000 geschätzt. Rund 1000 davon ziehen jetzt in Deutschland vor Gericht.
Schon im Jahr 1999, schon vor der Zulassung in Deutschland, hatte das werbefreie Arznei-Telegramm im Zusammenhang mit "Vioxx" (dem sogenannten COX-2-Hemmer oder Coxib "Rofecoxib") von einer "gezielten Irreführung" (pdf) durch Merck gesprochen, und keinen Zusatznutzen gegenüber bewährten Medikamenten erkannt. Von solcher Kritik unberührt feuerte die PR-Stalinorgel der Pharmaindustrie jahrelang aus allen Rohren. Als Beispiel mögen hier die Schlagzeilen der Ärzte Zeitung zum Thema "Vioxx" dienen: 26.05.2000: Die VIGOR-Studie belegt: COX-2-Hemmer schont den Magen 04.07.2000: Coxibe wirken besser und schneller als Paracetamol 07.07.2000: Neue Therapien bremsen die Aktivität der Gelenkentzündung 19.09.2000 Coxib statt NSAR sorgt für weniger Magenblutungen 05.10.2000 Cox-2-Hemmer hat bei Patienten hohe Akzeptanz 03.11.2000 Berechnet: Nutzen der Umstellung auf COX-2 24.11.2000 Neue Studie belegt: Coxib ist sicherer als NSAR 12.03.2001 Mit COX-2-Hemmern ist mehr als die Arthrosetherapie möglich 08.05.2001 Mit Rofecoxib sind Schmerzen nach Op geringer 18.6.2001 Was ist das Besondere an COX-2-Hemmern? 04.07.2001 Selektive COX-2-Hemmer: warum und für wen? 06.07.2001 Ein Magen-Darm-Problem und eine Lösung 31.07.2001 Rofecoxib Magen-Darm-verträglicher als NSAR 30.08.2001 Arthrosepatienten schätzen COX-2-Hemmer 27.09.2001 COX-2-Hemmer werden noch zu selten verordnet 01.10.2001 COX-2-Hemmer hilft auch Frauen mit Dysmenorrhoe 28.11.2001 Rofecoxib deckt NSAR-Indikationsspektrum ab 30.11.2001 Rofecoxib hilft auch gegen Schmerzen nach Operationen 10.12.2001 Rofecoxib nun auch in der Praxis gegen Arthroseschmerzen bewährt 14.12.2001 Rofecoxib wirkt anhaltend bei unterschiedlichen Schmerzen 15.01.2002 René-Schubert-Medaille für den Wirkstoff Rofecoxib 21.10.2002 Einen Tag lang schmerzfrei mit 50 Milligramm Rofecoxib 11.02.2002 Bei Arthrose wirkt Rofecoxib am besten hochdosiert 20.02.2002 Effektive Arthrose-Therapie bei Schmerzen in der Nacht 22.02.2002 Rofecoxib erweitert die Optionen bei akuten Schmerzen 05.03.2002 Rofecoxib hat sich bei Akutschmerz in Studien bewährt 24.04.2002 Rofecoxib hat sich auch bei akutem Schmerz bewährt 27.06.2002 Arthrose-Patienten bevorzugen C0X-2-Hemmer 12.07.2002 In USA sind Coxibe in die erste Liga aufgestiegen 19.07.2002 Zweites Coxib ist bei rheumatoider Arthritis zugelassen ("Somit stehen jetzt zwei nichtsteroidale Antirheumatika zur Wahl, die besonders gut verträglich sind.") 19.07.2002 Die Arznei-Therapie bei rheumatoider Arthritis hat jedes Jahr mehr zu bieten 26.09.2002 Coxib vor Op lindert Schmerzen nach Arthroskopie 02.10.2002 Rofecoxib hilft, den Alltag mit Arthrose besser zu meistern 21.10.2002 Eine Pille vor der Operation lindert die Schmerzen danach 04.12.2002 Daten von Operierten belegen: Rofecoxib lindert Akut-Schmerz 13.12.2002 Coxibe wirken schneller als Paracetamol 04.03.2003 Rofecoxib vor Op senkt nach Op den Morphinbedarf 23.04.2003 Rofecoxib wirkt bei akuten Schmerzen sehr lange 10.07.2003 Rofecoxib wirkt auch gegen Migräne-Schmerz 15.07.2003 COX-2-Hemmer bei Attacken geprüft 17.07.2003 Nun gibts die Wahl zwischen drei Coxiben bei RA 11.09.2003 Erfolg mit Coxib bei Morbus Crohn plus Arthritis 16.09.2003 COX-2-Hemmer, vor Op genommen, reduziert Schmerz 22.09.2003 Goldene Tablette für MSD Sharp & Dohme 31.10.2003 Metaanalyse ergibt kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko durch Coxib ("In die Diskussion geraten ist jedoch die kardiovaskuläre Sicherheit von Rofecoxib. Eine Metaanalyse gibt für solche Sicherheitsmängel aber keine Anhaltspunkte.") 07.11.2003 Rofecoxib lindert Schmerz nach Op 20.11.2003 Plädoyer für Rofecoxib zwei Stunden prä-Op 12.12.2003 Cox-2-Hemmer hilft auch Kindern mit Arthritis 23.01.2004 Niedrige Abbruchrate bei Rofecoxib-Therapie 28.01.2004 Umdenken für Ulkus-gefährdete Kranke- statt NSAR plus magenschützender Begleittherapie ein Coxib! 04.02.2004 Therapie mit Coxiben schont außer den Magen auch den Darm 05.02.2004 Coxibe sind Option für Kranke mit ASS-Intoleranz 27.02.2004 Rofecoxib macht Nachtschmerz den Garaus 16.03.2004 Dosierungstips für Rofecoxib 17.03.2004 Für Rofecoxib zeichnen sich zwei neue Indikationen ab 18.03.2004 Rofecoxib bewährt sich bei akuten Schmerzen 29.03.2004 In vielen Leitlinien sind jetzt Coxibe erste Wahl 05.04.2004 Coxibe alternativ nutzbar bei NSAR-Intoleranz 20.04.2004 Kardiovaskuläres Risiko durch Coxibe nicht erhöht ("Eine Therapie mit Coxiben erhöht nach derzeitigem Wissensstand nicht das kardiovaskuläre Risiko.") 03.05.2004 Erneut gute Wirksamkeit von Rofecoxib belegt 14.06.2004 Gegen juvenile rheumatoide Arthritis ist Rofecoxib eine verträgliche Option 15.06.2004 Analgesie vor der Op hilft Opioide einzusparen 30.08.2004 Gute Noten für Coxib bei der Linderung starker Schmerzen 04.10.2004 MSD nimmt Schmerzmittel Rofecoxib vom Markt Hoppla. Wie bitte? Warum das denn? Lebbe geht weider: 08.10.2004 Cox-2-Hemmer ist nicht gleich Cox-2-Hemmer 12.10.2004 Arzneimittelhersteller weist Vorwürfe zurück 13.10.2004 Kurth: Keine Versäumnisse bei Vioxx usw. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: MSD: Hunderte Vioxx-Geschädigte ziehen vor Gericht (nickpol)
Wäre da nicht ein Boo gegen die Ärzte-Zeitung besser gewesen?
Vioxx ist ja nun ein paar Jahre alt und die Ärztezeitung als der Steigbügelhalter der Pillendreher-Industrie hätte sich diesen Boo redlich verdient, sozusagen hart erarbeitet. Muss ich jetzt den ganzen Mist aus der Ärztezeitung lesen? Davon wird man krank!:-)
Wo sonst... (hockeystick)
...finde ich ein derart vollständiges Archiv aller Pharmapressemeldungen seit dem Jahr 2000, das nicht durch redaktionelle Arbeit verwässert ist? ;-)
Aber du hast natürlich recht. Mein Problem ist folgendes: Wenn ich einmal anfange, die Ärzte Zeitung zu buhen, dann bleibt mir keine Zeit mehr für andere Firmen. Für das Thema bräuchte ich ein eigenes aerztezeitungblog.de.
Re: hinweis (lanu)
die ärztezeitung hat noch keinen boo. ich mein ja nur. :-)
klassischer Aversions-Aversions-Konflikt (hockeystick)
MSD hatte auch noch keinen :-)
Re: war auch mehr so perspektivisch gemeint (lanu)
:-)))
die Herausforderung (hockeystick)
für mich besteht jetzt darin, eine Meldung zu finden, deren Qualität noch unterirdischer ist als das http://www.aerztezeitung.de/docs/2002/11/20/1m0702.asp?cat=">übliche Niveau.
Re: keine angst (lanu)
da geht noch was :-)
Argh! (hockeystick)
Die Ärzte Zeitung ist einfach so unterirdisch, dass sie schlicht unbuhbar ist. Da muss ich mit nur die http://www.aerztezeitung.de/docs/2006/10/10/180a1101.asp?cat=/news">heutige Titelstory anschauen. "In der Untersuchung von Dr. Martin Hofmeister von der Universität München erhielten in vier Wintermonaten jeweils 27 Menschen Orthomol® Immun Granulat. Zum Vergleich ernährten sich 27 Menschen ohne Zusatz von Mikronährstoffen." Praktisch jeder Artikel wäre ein Boo.
Ärztezeitung.... (nightrunner)
ähm... öh...
also ich weiss ehrlich gesagt nicht was ich dazu sagen soll,.. hypen von "Micronährstoffen" "Airnergy" usw, usf,.. dieser laden hat nen boo verdient als,.. öhm,... nennen wir es mal 9L**E oder B**D-Zeitung der medizinischen medien
Re: (hockeystick)
Damit tust du den gesternten Medien unrecht. Gerade die Jubelaufbereitung von Pressemeldungen der großen Pharmakonzerne führt nämlich offensichtlich dazu, dass zahlreiche Menschen vor der Zeit unter der Erde landen. Das hat 9L**e meines Wissens noch nicht geschafft.
Re: (nightrunner)
ja da hast du recht, bisher haben die das noch nicht geschafft
aber der journalistische/informative wert dürfte bei dieser art der sorgfältigen und investigativen berichterstattung ähnlich sein
Re: (hockeystick)
Zweifelsfrei. Aber. Wie formuliere ich es abmahnsicher? Also nach meiner ganz persönlichen Meinung halte ich es für möglich, dass das Maß an Skrupellosigkeit und Menschenverachtung, das ein "Redakteur" der genannten Medien als Einstellungsvoraussetzung mitbringen muss, bei der Ärztezeitung noch eine winzige Nuance höher sein könnte. Wenn das jetzt noch ein deutscher Satz war.
Re: (strappato)
Ich weiss nicht, was ihr habt. Die Ärzte Zeitung spiegelt doch nur die Branche aus der Sicht der Pharmaindustrie wieder. Sozusagen eine kontinuierliche Dokumentation. Ist doch auch irgendwo eine Dienstleistung.
Re: (hockeystick)
Wenn sich wirklich jeder Leser permanent bewusst machen könnte, dass jede, aber auch jede einzelne Zeile, die er da liest, ausschließlich den finanziellen Interessen der Pharmaindutrie dient, und wenn sich die Zeitung in "Pharma-Sprachrohr" umbenennen würde, dann wäre das ja aus meiner Sicht akzeptabel. Aber selbst als extrem skeptisch veranlagte Natur übersieht man gelegentlich diese Motivation, wir hatten das ja erst kürzlich http://gesundheit.blogger.de/stories/562560/#comments">hier. Ich fürchte, es gibt Ärzte, die glauben das, was sie da lesen.
Was lesen Ärzte? (hockeystick)
"Aus der Leseranalyse medizinischer Fachzeitschriften (LA-Med) ist bekannt, daß 95,7 Prozent der befragten Mediziner Fachzeitschriften oder eine Fachzeitung wie die "Ärzte Zeitung" als Informationsquelle bevorzugen."
"Schließlich liegt die täglich erscheinende "Ärzte Zeitung" bei der Leser-Blatt-Bindung gemeinsam mit dem "Deutschen Ärzteblatt" auf Rang eins." Schreibt die http://www.aerztezeitung.de/docs/2002/10/31/197a07901.asp?cat=/magazin/20_jahre/konsumenten">Ärzte Zeitung.
Bin gespannt (hockeystick)
Aktuell geistert eine AP-Meldung durch die amerikanische Presse, wonach der Statinkonsum die Lebenserwartung um 2 Jahre erhöhen würde. Die der Meldung zugrundeliegende Studie ist wie so oft eine Kohortenstudie ohne Aussagekraft im Hinblick auf etwaige Kausalbeziehungen. Ein paar Tipps als Denkanstoß für mitlesende "Wissenschaftsjournalisten", die keinen Boo wollen: Wer mehr Geld, lebt länger. Wer mehr Geld hat, wird eher auf Statine gesetzt. Wer einen sehr niedrigen Cholesterinspiegel hat, stirbt früher. Wer einen sehr niedrigen Cholesterinspiegel hat, wird seltener auf Statine gesetzt. Die behauptete Verlängerung der Lebenserwartung ist angesichts zahlloser randomisierter Studien zu dem Thema nur als aberwitzig zu bezeichnen. Die Autoren stehen darüberhinaus - wie man sehr leicht überprüfen kann - in einem deutlichen finanziellen Abhängigkeitsverhältnis von verschiedenen Statin-Anbietern.
Also Kinder, passt auf was ihr schreibt. Ich wollte Euch ja nur gewarnt haben.
Re: MSD: Hunderte Vioxx-Geschädigte ziehen vor Gericht (InfoMadiger)
Habe das Zeuch nur 4 Wochen geschluckt (O-Ton: Das ist DAS Mittel!!!). Gott sei's gepfiffen wurde mir sofort hundeübel davon!
Als ich dankend ablehnte. legte man mir (O-Ton Unterlagen: Patient uneinsichtig) einen Klapsenarzt nahe. So ist das! Bekloppte leben eben länger, trotz aller Studien. YEAH !
besser... (nightrunner)
bekloppt und lebendig und spass dabei
als einsichtig, tot und radieschen con unten begucken ;)
Re: Glückwunsch! (hockeystick)
Im aktuellen Spiegel ist ein längerer Bericht mit ein paar Beispielen von Leuten, die weniger Glück hatten. Beispielsweise Herzinfarkt und Schlaganfall mit 40, Vollinvalide.
Der Spiegel stützt in einer Passage des Artikels bedauerlicherweise auch die Legende, dass Merck erst 2003 von den Problemen gewusst hätte. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Nicht nur Merck, sondern auch jeder verantwortungsvolle Arzt in Deutschland (wer kein a-t-Abo hat, kann kein verantwortungsvoller Arzt sein) konnte am http://www.arznei-telegramm.de/register/0108525.pdf">31. August 2001 (pdf) in einer Sonderausgabe des Arzneitelegramms ('blitz a-t') von den Datenmanipulationen Mercks aus dem Jahr 2000 im Hinblick auf schwere thrombotische kardiovaskuläre Ereignisse lesen. Ich zitiere in Auszügen: DATENMANIPULATIONEN ZU GUNSTEN DER COX-2-HEMMER IN VIGOR UND CLASS [...] Bereits Ende 1999 waren nach einer Zwischenanalyse Bedenken wegen Übersterblichkeit, erhöhter Rate kardiovaskulärer Ereignisse und Blutdruckanstieg unter Rofecoxib geäußert worden. [...] Aus den Sicherheitsdaten, der der Herstelle am 13. Oktober 2000 [...] bei der [...] FDA eingereicht hat, geht jedoch hervor, dass schwere thrombotische kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt, darunter Herzinfarkt, [...], Herzstillstand, plötzlicher Tod oder ischämischer Schlaganfall [...] unter Rodecoxib signifikant häufiger vorkommen. [...] Bei Patienten mit ASS-Indikation erhöht es sich sogar auf das Fünffache [...] usw. usf. Unabhängig von der Schuld Mercks: Jeder einzelne Arzt, der Vioxx in Deutschland danach noch verschrieben hat, hat in meinen Augen seinen Beruf verfehlt. |
Mir nach!
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