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Firstream AG Firstream AG: Kleine Französinnen und der Insolvenzverwalter
FINAL Firstream AG von FoolDC

06:45 Mittwoch, 20. September 2006

Die Domain "uni.de" hat den Besitzer gewechselt, die Nutzer des bisherigen Freemailers gucken in die Röhre und sind sauer. Immerhin wissen sie jetzt, warum sie seit Wochen keine Mail mehr abrufen können: Der bisherige Betreiber, die Firstream AG, hat "den Geschäftsbetrieb aufgegeben", teilt der neue Domaininhaber auf der Website mit. First was? Klingt übel. Ist es auch.
Was wie eine ganz normale Online-Pleite aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als groteske NE-Operette, die offenbar extra für eine keine Schar grölender Alt-Sentinels komponiert wurde. Die Geschichte der Firstream beginnt 2001 irgendwo in Frankreich. 2002 kommen Niederlassungen in Paris, London, Mailand und München hinzu, später auch Genf. Die deutsche Firstream, bisher Betreiber von uni.de, bekommt am 2. August 2006 vom Amtsgericht München einen Bolzenschuss, die Leiche wird mit der Nummer 1506 IN 2145/06 am Zeh in die Obhut des Insolvenzverwalters gegeben. Heimlich, still und leise war der Antrag am 29. Juni rausgegangen. Soweit New Business as Usual.

Die Quellenlage ist kompliziert, weil weitestgehend französisch. Firstream ist eine klassische NE-Bude, gegründet von einem gewissen Jean-Christophe Chopin, der während der Hochphase einen Abstecher ins Silicon Valley und erste Erfahrungen mit E-Commerce machte. In Kalifornien könnte er auch den US-Milliardär Louis Gonda getroffen haben, der laut Wikipedia inzwischen die Mehrheit der Muttergesellschaft hält. Laut abgeschalteter Corporate Info auf uni.de halten Chopin "und Teilhaber" 71 Prozent, 18 Prozent das Management und Privatinvestoren und VeriSign 11 Prozent. Die sollen anderen Angaben zufolge mittlerweile fast 20 Prozent halten.

Mit der Gründung von Firstream wollte Chopin - wie so viele andere auch - das Marketing mit Hilfe des Internets revolutionieren und fand dafür auch die passende Sprechblase: "Service creates the relationship, which creates the transaction". Die Service-Idee: Firstream kaufte den französischen Vetrieb für Presseprodukte für Studenten, OFUP. Vergleichbares gibt es auch hierzulande: Billige Abos für Studenten an Grabbeltischen vor der Mensa. Hier soll die "Relationship" entstehen. Chopins Kalkül war offenbar, sich mit der exklusiven Erlaubnis der OFUP, in den Räumlichkeiten der Unis und Gymnasien zu verkaufen, auch einen exklusiven Zugang zu einer interessanten Zielgruppe (kleinen Französinnen und Franzosen) gesichert zu haben, um der noch allerlei anderen Kram andrehen zu können - mehrere "Transactions".

Firstream soll mit einem rein studentischen Vertriebsteam in den Unis verstärkt auch für Finanzprodukte und andere Segnungen des Kapitalismus geworben haben, darunter das parallel aufgebaute E-Payment-System namens FirstreamPASS, das auch das Interesse von VeriSign erklärt. Die offenbar zunehmend aggressiven Methoden und die ambivalenten Vetriebsstrukturen der Firstream haben vor einigen Monaten zwei Hochschulgruppen auf die Barrikaden gebracht. Eine laute Kampagne der Studenten wird für den Verweis der Firstream von den Campi zahlreicher Universitäten im vergangenen Jahr mit verantwortlich gemacht.

Doch die Studenten wollen mehr: Firstream/OFUP soll der Zugang zu sämtlichen Unis und Schulen verboten werden. Vorsorglich haben sie mit einigen Herausgebern eigene Konditionen für billigere Abos ausgehandelt. Für die Abonnenten hat das den Vorteil, dass sie eine Kundenbeziehung mit der jeweiligen Zeitung haben und nicht mit OFUP/Firstream.

Es sieht also so aus, als ob das Kerngeschäft in Frankreich unter Druck gerät. Da trennt man sich natürlich von Aktivitäten, die so gar nichts bringen wollen. Denn ähnliche Modelle hat Firstream seit 2002 auch hierzulande versucht, mit in der Rückschau nicht mehr feststellbarem Erfolg. Uni.de ist jetzt definitiv tot. Firstcampus, ofup.de und NE-Tochterklitschen wie die Neu-Neu GmbH sind ebenfalls von der Bildfläche verschwunden.

Was bleibt, ist ein Libretto mit feinster NE-Lyrik: "Die digitale Welt erlebt derzeit einen unvergleichlichen Aufschwung, der auch in den kommenden Jahren anhalten wird," verspricht noch die mittlerweile abgeschaltete Website. "Durch die wachsende Sicherheit der Transaktionen, die Zahl der Auftragseingänge und die Qualität des Datenschutzes, nimmt auch das Vertrauen der Internetkunden in Online-Aufträge, -Einkäufe und -Bezahlung zu. In diesem Kontext verwirklicht Firstream eine neue Vision, welche die wesentlichen Werte der digitalen Wirtschaft vereint." Klar. Denn: "Wir befinden uns im Zeitalter des digitalen Bewusstseins.

Nicht mehr so ganz. Willkommen im digitalen Purgatorium.





Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: Firstream AG: Kleine Französinnen und der Insolvenzverwalter (nickpol)
Zeitalter des Digitalen Bewusstseins, ist das der Anfang vom Hive Minds, oder nur eine dumme Anlehnung. Da kann man ma sehen, was man mit ein paar Algorithmen machen kann.




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