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09:47 Sonntag, 17. September 2006
"Daher wissen wir: der Prolet von heute besitzt mehr Geld als die Arbeiter vergangener Generationen und wenn er im Anzapfen des Sozialstaats eine gewisse Fertigkeit entwickelt hat, verfügt er über ein Haushaltseinkommen, das mit dem von Streifenpolizisten, Lagerarbeitern und Taxifahrern allemal mithalten kann. Es ist nicht die materielle Armut, die ihn von anderen unterscheidet.
Auffällig hingegen sind die Symptome der geistigen Verwahrlosung. Der neue Prolet schaut den halben Tag fern, weshalb die TV-Macher bereits von "Unterschichtenfernsehen" sprechen. Er isst viel und fettig, er raucht und trinkt gern. Rund acht Prozent der Deutschen konsumieren 40 Prozent allen im Land verkauften Alkohols. Er ist kinderreich und in seinen familiären Bindungen eher instabil. Er wählt am Wahltag aus Protest die Linken oder die Rechten, zuweilen wechselt er schnell hintereinander." Laut seiner Bio soll Herr Steingart Wirtschaftsstudent gewesen sein, heute ist er der Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros. Was ihn offenbar nicht davon abhält, Artikel zu verfassen, deren Inhalte teilweise schon vor siebzig Jahren in gewissen deutschen Hetzblättern en vogue waren. Vielleicht lernt man aber auch eine solche Schreibe erst auf der Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten, wer weiß. Und damit nicht genug, verfaßt Herr Steingart darüber hinaus Bücher, welche in neoliberalen Kreisen als gängige mentale Onaniervorlagen gelten.
"Deutschland - Abstieg eines Superstars" hat der interessierten und beipflichtenden Leserschaft, die sich größtenteils aus den Größen der Politik und Wirtschaft sowie ein paar besonders ehrgeizigen VWL-Studenten zusammensetzt, bestimmt den einen oder anderen multiplen mentalen Orgasmus verschafft. Und mindestens einen Auftritt bei Christiansen. Jetzt hat Steingart sein neuestes Machwerk ins Rohr geschoben: "Weltkrieg um Wohlstand: Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden". Und passend zum Buch gibt es nun auch die Serie bei SPIEGEL online. Und dort darf er - ungestraft - auch solche Absätze wie den einleitenden Text zu diesem Boo verbreiten. Natürlich in der Hoffnung, daß seine Claqeure in Massen die Buchhandlungen und Onlineshops stürmen und dem Herrn Steingart neben seinem ganz und gar nicht proletenhaftem Gehalt auch noch einen hübschen Nebenverdienst bescheren. Und eine weitere Einladung zur Christiansen, bevor die sich auf hoffentlich Nimmerwiedersehen verpisst. Selbstverständlich handelt dieses Buch nicht ausschließlich vom Proletenbashing, und Steingart verbrämt das P. mit der Frage, ob das Ausgrenzen größerer Bevölkerungsschichten nicht irgendwann einmal zum Zündstoff für die Nationen wird, die sich derzeit dieser Methode im großen Stil befleißigen. Aber bevor im letzten Absatz diese Frage gestellt wird, zieht Steingart erstmal mächtig vom Leder. Und stellt Behauptungen auf, die sogar für Proleten relativ leicht erkennbar entweder grob verfälscht, unwahr oder schlicht und ergreifend Unsinn sind. Wie zum Beispiel die Behauptung, daß 8% der Deutschen 40% des im Lande verkauften Alkohols konsumieren. Zum einen ist Alkoholismus nicht nur eine rein auf Proleten beschränkte Krankheit (gerade Politiker und gesellschaftlich als erfolgreich angesehene Menschen greifen nachweislich häufiger zur Seelenmassage aus der Flasche als der Durchschnitt), und zum anderen...geht man von ca. 62 Mio. Menschen im "alkoholkonsumfähigen" Alter aus (wobei Kinder und Jugendliche ausgeklammert sind), müssen diese 8% wahre Lebern aus V4A-Stahl besitzen. Ausgehend von einer in Deutschland verkauften Bierproduktion von 91,1 Mio. hl (2004; Statistisches Bundesamt) und einer von Steingart angegebenen Quote von ca. 5 Mio. Hardcore-Trinkern müßte jeder Prolet satte 7,29 hl Bier pro Jahr (zum Vergleich: der "normale Deutsche" schafft gerade mal etwas mehr als 1 hl in diesem Zeitraum) zu sich nehmen, damit Steingarts Geschreibsel aufgeht. 1 Hektoliter sind übrigens 100 Liter. Und das wirklich harte Zeug ist in dieser Rechnung noch nicht einmal drin. Aber ist schon erschreckend, gelle? Die Prolls saufen den Leistungsträgern den ganzen Alk weg! Und wer gibt diesen Schmarotzern denn die Kohle für das Zeugs? Mit Steingarts neuestem Werk verhält es sich wie mit dem Schmuddelheftchen aus dem Sexshop: egal, wie reißerisch der Titel auch sein mag - der Inhalt ist stets derselbe. Quantitativ und qualitativ. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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