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15:17 Dienstag, 05. September 2006
Die Veröffentlichung der ARD/ZDF-Onlinestudie 2006 bietet wieder ein Propaganda-Schauspiel der besonderen Art. Mit gleichlautenden Presse-Erklärungen versuchen ARD und ZDF die ermittelten Zahlen zu einer Begründung für ihr Online-Engagement umzulügen. Dumm nur, dass die Autoren der Studie mit ihren Aussagen deutlich im Widerspruch zu den Intendanten-Phantastereien stehen.
Laut den Propaganda-Kommissaren von ARD und ZDF gibt es ein zunehmendes Interesse an Multimediaangeboten im Internet: "Bereits jeder vierte Internet-Anwender (24%) sieht zumindest gelegentlich im Netz Videos an oder schaut live im Internet fern. 40 Prozent aller Internetnutzer haben bereits Audiodateien aufgerufen oder live über das Internet Radio gehört."
An diesen objektiven Werten sind zwei Dinge falsch: 1. Das "zumindest gelegentlich" suggeriert eine geringe Nutzung über einen Zeitraum. Selbst das ist nicht der Fall. Die Zahlenangaben in der Studie werden mit "überhaupt genutzt" etikettiert. Jeder der auch nur versuchsweise ein Pornofilmchen angeschaut hat oder bei Amazon ein Stück aus einer CD probegehört hat, zählt zu diesen Gruppen. Und dafür sind die Zahlen verdammt niedrig. 2. "Ein zunehmendes Interesse" suggeriert eine klare Steigerung. Die Autoren der Studie sagen dazu ganz trocken: "Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Nutzung der multimedialen Angebote jedoch kaum entwickelt. Es zeigt sich, dass das Thema Mediathek, also Audio und Video im Internet, inklusive neuerer Entwicklungen wie Podcasts, zur Zeit zwar stark diskutiert und forciert wird, eine starke bzw. verstärkte Nutzung im April diesen Jahres allerdings noch nicht nachgewiesen werden konnte." Untersucht man eine regelmäßige Nutzung, ist es noch schlimmer. 2003 gaben 12 % der Onliner an, mindestens einmal wöchentlich Videos oder TV übers Internet zu sehen, 2006 waren es nur noch 9%. 24% hörten 2003 Audiodateien oder Radiostreams, 2006 waren's 23%. Der Trend ist rückläufig! Und das obwohl sich der Anteil der Onliner mit Breitbandzugang in diesem Zeitraum verdoppelt hat. Welche Schlussfolgerungen ziehen nun die Intendanten? ZDF-Schächter "betont die Notwendigkeit der Präsenz des ZDF auf allen Plattformen ". Wörtlich sagt er: "Unabhängig von Sendezeiten werden die Zuschauer auf Abruf, also on demand und ohne lästige Programmierung des Recorders, ihre Lieblingssendungen anschauen wollen." Und Hessen-Reitze meint: "Die Resonanz auf die multimedialen Angebote zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind." Das hört sich gut an, hat nur nichts mit den ermittelten Werten aus der Studie zu tun. Die Intendanten betreiben gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Propaganda, ohne sich um die Fakten zu kümmern. Die Studie selbst ist ein Beispiel dafür, dass es auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien noch Menschen gibt, die sich für Fakten interessieren und daraus nicht vorschnell und mundgerecht Folgerungen ziehen: "Bisher werden multimediale Anwendungen nur von einer Minderheit regelmäßig aufgerufen. Mit der Verfügbarkeit von komfortablen multimedialen Endgeräten, höheren Übertragungsraten, Zusatzdiensten, größerem Bedienungskomfort und nicht zuletzt Angeboten, die eine "Flaggschiff-Funktion" im Internet für breitere Nutzerschichten übernehmen können, kann sich dies schnell ändern. Ob es dann wirklich zur viel beschworenen Nutzungskonvergenz zwischen den klassischen Medien einerseits und den (multimedialen) Internetangeboten kommt, bleibt fraglich. Noch sprechen die empirischen Daten eine andere Sprache: Der Fernsehkonsum steigt weiterhin kontinuierlich, der leichte Nutzungsrückgang beim Hörfunk ist (auch) auf andere Gründe zurückzuführen." Die ARD/ZDF-Onlinestudie ist in diesem Jahr zum zehnten Mal erschienen. Wie in den Jahren zuvor bilanzieren die Autoren ein geringes Interesse an Rundfunk im Internet und kommen zu dem Schluss, dass Internet und Rundfunk sich ergänzen und nicht verdrängen. Vor diesem Hintergrund bekommt die Diskussion um Rundfunkgebühren auf PCs einen üblen Geschmack. Denn gerade die Gefahren, die vom Internet auf die Gebührenbasis ausgehen, sind Grundlage für die Versuche, die Gerätebasis bei den Rundfunkgebühren zu verbreitern. Nur: Diese Gefahren existieren nicht. Das zeigen ARD und ZDF in der Onlinestude jedes Jahr aufs Neue. Was aber existiert, ist eine breitangelegte Propaganda der Chefetagen bei den Sendern, die dafür sorgen soll, dass das Internet weitere Etatsteigerungen garantiert. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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