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10:02 Dienstag, 13. Juni 2006
Wenn diese Online-Petition, die mittlerweile 40 000 Leute unterschrieben haben, Erfolg hat, ist Desirée Grebel für mich workingclasshero (nein, nicht der gleichnamige Blogkommentator, eher hier wieder komische Gerüchte aufkommen ;-) ): Die Grundlage des Anjatanjamirkomeikotums soll abgeschafft werden. Wir kennen das noch aus den goldenen Zeiten der New Economy, in vielen Zeitungen und Werbeagenturen ist es längst Bestandteil des Normalbetriebs. Hochqualifizierte, meist graduierte Leute leisten als Praktiken oft bis zu einem Jahr qualifizierte, doch meist unbezahlte Arbeit.
Legitimierte sich das arbeitsrechtlich höchst bedenkliche Modell in der Vergangenheit darüber, ein unbezahltes Langzeitpraktikum sei die Voraussetzung für einen qualifizierten Job, ein informelles Anerkennungsjahr quasi, so hat es sich mittlerweile eingebürgert, die Praktikanten nach Ablauf des Praktikums nicht weiterzubeschäftigen. Längst ist ein neues Proletariat am Entstehen, das sich aus Leuten mit Hochschulabschluss zusammensetzt, die zwischen Praktikum, Thekenjob, Weiterbildung, Sozialhilfe und Schwarzarbeit hin und her pendeln und zusehends die Perspektive auf ein normales Berufsleben aufgeben. Mit 35 Ausschuss, aber immer noch gefragt genug, um ohne Bezahlung ausgebeutet zu werden, bilden sie den Bodensatz und die Reservearmee der Mediaproduktion. Dies soll sich nun ändern, wenn es nach Grebel geht.
Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: Berlinerin will unbezahlte Praktika verbieten lassen (derdodepapagei)
Ich kann nirgendwo finden, dass jemand unbezahlte Praktika verbieten lassen will. In der Petition heißt es, dass "Praktika von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und in dem Berufsbild abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt werden." Die Überschrift vereinfacht das zu stark.
Außerdem ist mir nicht klar, wo die 40.000 Unterstützer herkommen. Die Petition beim Bundestag weist knappe 3.700 aus.
Re: (che2001)
Wenn solche Praktika, und darum geht es in der Petition, gesetzlich in bezahlte Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt werden müssen, dann läuft das faktisch auf ein Verbot von Langzeitpraktika hinaus. Was die 40 000 angeht, hier habe ich noch einen weiteren Link zum Thema, in dem auch von dieser Zahl die Rede ist. Entweder hat der Bundestag noch nicht alle bis jetzt gegebenen Unterschriften gezählt, was bei der schnelligkeit von Onlineprozessen ja gut sein kann, oder irgendjemand übertreibt, das kann ich leider nicht nachprüfen.
http://www.gmx.net/de/themen/beruf/,cc=000002667300024426401vQZTd
Re: (derdodepapagei)
Also müsste es doch zumindest heißen, dass Langzeitpraktika verboten werden sollen und nicht alle.
Zu der Zahl hab ich dann doch mal selbst geforscht. Es gibt beim Bundestag inzwischen zwei Petitionen (siehe http://itc.napier.ac.uk/e-Petition/bundestag/list_petitions.asp). Bei der einen ist der Zähler bei knapp 40.500 stehen geblieben und aus technischen Gründen kann man sich dort nicht mehr dranhängen. Die Ersatzpetition ist nun auch bei 3.700 angekommen. Unterzeichnungsschluss ist übrigens morgen der 14.06.
Re: Berlinerin will unbezahlte Praktika verbieten lassen (Georgdrahtlos)
Wenn 40 Tausend und mehr »hochqualifizierte, meist graduierte Leute« jetzt nach dem selben Staat rufen, der sie trotz (oder wegen) einer staatlich gesteuerten Hochschul- und Arbeitsmarktpolitik am Markt vorbei ausbilden ließ, wird mir flau im Magen.
Wie wärs mit einer Umschulung zum Kesselbauer und dann in Rente?
Re: (strappato)
Vollkaskogesellschaft. Kostenloses Studium, Bafög, Selbsterkenntnisfach und dann nach dem Staat rufen, wenn das Wissen fürs Feuilleton langt, aber nicht für die Marktwirtschaft.
Das Praktikantenunwesen muss eingedämmt werden. Keine Frage. Nur ob da ein Verbot das richtige Mittel ist? Das wäre das Ende der Praktika über länger als 3 Monate. Folge: statt 2 Praktika/Jahr würden die Absoventen 5 machen. Oder sich von einer Tochterfirma zur nächsten hangeln. Ich bin immer wieder über das grenzenlose Vertrauen in den Staat und die Kraft von gesetzen verwundert.
BAP (hockeystick)
Folge: statt 2 Praktika/Jahr würden die Absoventen 5 machen. Oder sich von einer Tochterfirma zur nächsten hangeln.
Das mit den Tochterfirmen und Mehrfachpraktika kann man per Gesetz verbieten. Und das schönste daran: Die eigens hierfür geschaffene Bundesagentur für das Praktikantenwesen (BAP) trifft mit 10.000 verbeamteten Mitarbeitern (bevorzugt aus Medienstudiengängen) im Einzelfall die Entscheidung, ob ein Praktikum im Sinne des 400-seitigen Gesetzestextes zulässig ist. Nach ca. 20 Wochen ist die Entscheidung da. Meistens. Selbstverständlich vor dem Verwaltungsgericht anfechtbar.
Man könnte doch 2 Fliegen mit einer Klappe schlagen..... (JohnnyBGoode)
Auch für die Verwaltung des neu zu schaffenden "Gesundheitsfonds" soll eine neue Behörde aufgebaut werden. Legen wir diese doch mit der Bundesagentur für das Praktikantenwesen (BAP) zusammen zur Bundesagentur für das Praktikantenwesen und die Gesundheitsfondsverwaltung (BAPuGFV) und klotzen gleich mit 20000 verbeamteten Mitarbeitern richtig hin.
Re: Re: (derdodepapagei)
Und mich erstaunt das grenzenlose Vertrauen in die Marktwirtschaft. Sklavenhalter haben immerhin noch eingesehen, dass man Sklaven ernähren muss. Moderne Wirtschaftsunternehmen aus der Medienbranche sind sich auch dafür zu schade und externalisieren die Lebenserhaltungskosten ihrer "Mitarbeiter". Aus marktwirtschaftlicher Sicht tun sie das Richtige. Ein System, das solche Perversitäten fördert und fordert, sollte wohl ein bisserl korrigiert werden dürfen.
Mehr Gesetze ... (dirtypicture)
das ist es auf jeden Fall, was der deutsche Arbeitsmarkt jetzt dringend braucht. Und aus den Gesetzen abgeleitet jede Menge Richtlinien und Verordnungen. Die werden dann alle vom Arbeitsamt ... äh, der Arbeitsagentur überwacht. Das ist doch mal ne wirklich gute Idee, bravo, Désirée ... chapeau!
Alles wird gut!!
Re: (che2001)
Ich schließe mich da dem dodenpapagei an, vor allem, wenn ich mir meine eigene Vergangenheit anschaue. Selbstverständlich bekam ich mein einmonatiges Praktikum beim Hessischen Rundfunk bezahlt.
Plan B: Ägyptisches Modell - alle unbezahlten Langzeitpraktikanten verbeamten.
Re: (strappato)
Das ägyptische Modell wäre wenigstens konsequent. Ansonsten ist es schwierig in unserem globalisierten liberalisierten europäischen Arbeitsmarkt da korrektiv einzugreifen. Was ist wenn gegen das Gesetz ein Praktikant beim EuGH wegen unzulässiget Diskriminierung klagt - weil er nur 3 Monate darf und ein Student länger?
Wie schon ausgeführt, sind meine Erwartungen in die Kraft von Gesetzen zur Zeit eher bescheiden.
Die Praktikanten bei Bild ... (stieglitz)
werden sicher auch so schlecht bezahlt, dass sie natürlich Millionen und Tausender verwechseln. Woher sollen sie es auch wisse. Und dann passiert das:
http://www.bildblog.de/?p=1459
Re: Berlinerin will unbezahlte Praktika verbieten lassen (Matomasi)
Viele Firmen haben einfach noch nicht begriffen, dass Praktikanten auch ein großes Risiko darstellen. Denn wenn man Leute für lau relativ zentrale Aufgaben erledigen lässt, sind sie irgendwann möglicherweise so frustriert, dass sie anfangen, Interna zu verraten. Insofern würde die zeitliche Begrenzung von Praktika schon was bringen: das Risiko der Firmen wäre höher. Außerdem arbeiten die meisten Leute in den ersten drei Monaten eher unterhalb ihres Niveaus, weil sie erst einmal die Arbeitsabläufe kennenlernen müssen.
Also Produktivitätsverluste und Indiskretionen könnten vielleicht ausreichende Motive sein, um die Leute etwas langfristiger anzustellen. Aber vermutlich sind viele Firmenleitungen genaus dumm wie meine Oma, die eine kostenlose Reise an die Costa del Sol gewonnen hat und dachte, das wäre ein ernst gemeinte Angebot. Manchmal ist kostenlos eben teurer, als man denkt. |
Mir nach!
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