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06:15 Dienstag, 30. Mai 2006
Ein Schlachter muss es sein. Ob der Nachfolger des nach Frankfurt vertriebenen Uwe Vorkötter schon die Messer wetzt und so die von der Belegschaft in ihn gesetzen Erwartungen erfüllt, wird die nahe Zukunft zeigen. Immerhin hat er jetzt einen Namen, der neue Chefredakteur dieser von Heuschrecken geplagten Hauptstadtzeitung.
Um kurz vor zehn kam die E-Mail. Auf der kurzfristig einberaumten Versammlung hat hat Geschäftsführer Peter Skulimma der düpierten Redaktion ihren neuen Chef vorgestellt. Josef Depenbrock kommt von der Hamburger Morgenpost, die auch zu David Montgomerys Heuschrecken-Imperium gehört. Bei der MoPo war Depenbrock Chefredakteur und Geschäftsführer in Personalunion. Auch in Berlin soll der Neue die Doppelspitze geben und sich in der Geschäftsführung der Holding um redaktionelle Belange kümmern. Zudem hält er Anteile an der Holding.
Nicht gut, finden die Journalisten. "Die Redaktion wird mit ihrer ganzen Kraft dafür kämpfen, dass diese Verquickung zwischen redaktionellen und wirtschaftlichen Interessen auch unter der neuen Führung nicht zum Verlust journalistischer Qualität und Unabhängigkeit führen", heißt es in einer Mitteilung der Zeitungsmacher an ihre Leser. Doch nicht nur diese Verquickung ist der Redaktion ein Dorn im Auge: "In der vergangenen Woche hat die Redaktion in einem Schreiben die Geschäftsführung aufgefordert, vor dem Abschluss der Verhandlungen über das Statut davon abzusehen, einen neuen Chefredakteur zu berufen." Genau das hat Skulimma jetzt getan - für die Zeitungsleute am Alex ein echter "Affront".. Schon unter Vorkötter hatte die Redaktion für ein Statut gekämpft, dass die journalistische Unabhängigkeit der Berliner sichern sollte. Bei der Neubesetzung des Chefsessels wollten die Redakteure ein Wörtchen mitreden. Das geforderte Vetorecht hat Skulimma mit seinem fait accompli kurz vor Abschluss der "Verhandlungen" jetzt elegant verhindert. Am Alex ist der Teufel los, der Betriebsrat schäumt. Der "grobe Vertrauensbruch" der Verlagsleitung gefährde die "redaktionelle Unabhängigkeit" der Zeitung. Die Redaktion will sich nicht kampflos geschlagen geben. Wie die Welt erfahren hat, sollte die Berliner heute eigentlich mit blanken Seiten ohne redaktionelle Texte erscheinen. Der Druck der Frühausgabe wurde aber von der Verlagsleitung gestoppt, die Hauptausgabe soll jetzt mit verringertem Umfang und den Erklärungen der Redaktion und des neuen Chefredakteurs erscheinen. Auch der neue Chef meldet sich zu Wort und gibt sich handzahm: "Auf Seite 1 lesen Sie eine kämpferische Botschaft unserer Redaktion an die Leserinnen und Leser - ein leidenschaftliches Plädoyer für eine sehr gute Berliner Zeitung und ein Ausrufezeichen engagierter Journalistinnen und Journalisten", schreibt Depenbrock. "Seit gestern stehe ich nun der Redaktion der Berliner Zeitung vor - und will es gleich zu Anfang unmissverständlich und klar sagen: Die Berliner Zeitung bleibt die führende Qualitätszeitung der Hauptstadt, eine Zeitung in der ersten Liga der großen deutschen Blätter." Wie er das machen will, deutet sich an. Das Vermischte Ressort halte er für unterbesetzt, hat die FTD erfahren, das Feuilleton dagegen überbesetzt. Depenbrock könnte also ein paar Theaterkritikern einen feuchten Traum erfüllen und sie in Zukunft über Brangelina und die Vorgänge in Beckingham schreiben lassen. Sein Track Record ist auch eher Boulevard. Den Geschäftsführer stört das nicht. Depenbrock ist ein guter Mann, sagt Skulimma. Vielleicht wäre Holtzbrinck doch nicht so schlimm gewesen. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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