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07:08 Freitag, 24. März 2006
Die "Zahnärztlichen Mitteilungen" (ZM) sind alles andere als ein Käseblättchen: Verbreitung nationwide, Auflage 80.000, Zentralorgan der Bundeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, mit einer fetten 14-köpfigen Redaktion. Da die sich für überfordert hält, möchte sie sich 'Freie' halten - auf deren Kosten.
Mein Informant sagt, die ZM habe von ihm 2 bis 4 mal im Monat eine Druckseite haben wollen. Er sagt weiter, die aktuellen Honorare bei Fachzeitschriften bewegten sich dafür zwischen 210 und 1.200 Euro. Das prüfe ich auf der Website des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) nach und es stimmt. Er erklärt mir die Anforderung der ZM und sagt, dafür brauche er jeweils zwischen 1 und 2 Tagen. Da ich das Tintenpisser-Geschäft kenne, kann ich beurteilen, daß das stimmt.
Was er sonst noch erzählt, kann man sowieso nicht erfinden. Er legt mir die unmittelbar nach dem finalen Telefonat angefertigte Niederschrift vor: Er: "Guten Tag, Frau ********. Schön, daß Ihnen meine Arbeitsproben gefallen haben. Das Thema, was sie vorgeschlagen haben, kommt mir entgegen. Ich denke, da kann ich was Schönes machen." Sie: "Ja, prima! Er. "Bevor wir in die Details gehen, sollten wir die Konditionen klären. Was zahlen Sie für die Druckseite?" Sie: "75 Euro." Er: "Entschuldigung, sagten Sie 75 Euro?" Sie: "Ja." Er: "Schauen Sie, Frau ********: Das marktübliche Honorar für Fachzeitschriften bewegt sich zwischen 210 und 1200 Euro. In Anbetracht von Verbreitung und Bedeutung Ihrer Publikation sind wir da im oberen Drittel, das heißt in der Größenordnung 700 bis 800 Euro normal, nicht Stargage. Ich meine, 75 Euro, irgendwo kann das nicht sein. Sie: "Das ist unser Tarif." Er: "Das, was Sie wollen, kostet mich, je nach Rechercheumfang, zwischen 1 und 2 Arbeitstagen. Der DJV rechnet aktuell vor, daß der Freelancer als absolutes Minimum einen Tagessatz von 250 Euro braucht, um überhaupt existieren zu können, wegen Sozialversicherung, Urlaub, Krankheit, was er alles selber zahlt." Sie: "Mehr kann ich Ihnen nicht anbieten." Er: "Nach meinen Informationen suchen Sie schon länger einen freien Mitarbeiter. Das hatten Sie Herrn ******** gegenüber geäußert. Stimmt das?" Sie. "Ja, das stimmt." Er: "Jetzt ist mir auch klar, warum Sie keinen finden, obwohl es seit 40 Jahren noch nie so viele arbeitslose Journalisten gab, wie derzeit. Wenn Sie lange genug weitersuchen, finden Sie einen, der es aus Verzweiflung und notgedrungen macht. Aber möchten Sie nicht lieber einen, der es mit Freude und engagiert macht?" Sie: "Das war nicht meine Entscheidung über das Honorar. Das hat unser Vorstand entschieden." Er: "Dann sollten Sie dem Vorstand mal die Marktdaten mitteilen." Sie: "Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe!" Er: "Eine Frage, Frau ******, die Sie nicht mir, sondern nur sich selber beantworten sollen: Würden Sie morgens aus dem Bett aufstehen, wenn Sie wüßten, daß Sie dann, wenn Sie sich abends wieder einlegen, 75 Euro brutto verdient haben?" Sie: "Ich glaube, wir beenden jetzt das Telefonat." Er. "Glaube ich auch." ***************************************************** Diese Vorstände sind genau die Leute, die bei einem guten Geschäftsessen 75 Euro Trinkgeld geben. Der Nörgler ist ja der Letzte, der Journalisten mit Mozart vergleicht. Nur in einem Punkt paßt es schon: Der verkommene Sozialcharakter, der Topleistung mit Pfennigsbeträgen honoriert, gleicht dem Aristokratenrotz aufs Haar, der Mozart wie einen Domestiken behandelte. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: "Zahnärztliche Mitteilungen": Hungerhonorare auf dem Luxusschiff (che2001)
Der alte Fritz zum Umgang mit Voltaire: "Man quetscht eine Zitrone aus und wirft sie weg."
Re: "Zahnärztliche Mitteilungen": Hungerhonorare auf dem Luxusschiff (strappato)
Ulla Schmidt hat ja erreicht, dass die Vorstände ihre Gehälter offen legen müssen. Die Zahnärztlichen Vertreter sind nachgezogen ? und sie sind in ihrer Gesamtheit teurer als die Mediziner-Kollegen. Der Chef der KZBV erhält eine Jahresvergütung von 220000 Euro, seine beiden Stellvertreter jeweils 210000 Euro. Zusätzlich ist es der Vorstandsmannschaft gestattet, ihre Praxis weiterzuführen, um den Praxisbezug nicht zu verlieren. Dazu haben die sich erst 2005 eine 300%ige (kein Tippfehler) Gehaltserhöhung genehmigt.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/60/52008/ Wie sagte der KZBV-Vorsitzende in einem Interview mit dem Deutschlandfunk so schön: "In den USA gilt jemand als sehr erfolgreich und kompetent, wenn er ein gewisses Einkommen hat. In Deutschland muss man gewisse Einkommenshöhen immer sehr verteidigen." Soviel zur Kompetenz von Fachjournalisten, denen 75 Euro pro Seite angeboten werden.
Das Missverständnis... (hockeystick)
... Deines Informanten könnte darin liegen, dass Autoren dieser Blätter üblicherweise genug Geld von der Pharma- oder Medizingeräteindustrie bekommen, so dass das Pro-Forma-Honorar des Deutschen Ärzte-Verlags nicht so sehr von Bedeutung ist. (vgl. http://www.netzeitung.de/medien/262007.html )
Re: (che2001)
Die kostenlosen Urlaubsreisen und aufwändigen Cholesterin-Seminare sind aber nichts, was ein Freier zwangsläufig bekommt, ebensowenig für die Schmiergelder für Anzeigenvermittlung. Dass ein Freier Mitarbeiter, der sich in diesem Sinne anständig verhält, abgestraft wird geht auf keinen Kofferdamm.
Wie gesagt... (hockeystick)
...in dem Interview gesteht die ehemalige (warum wohl?) Vorsitzende des Verbandes der Medizinjournalisten, Frau Lange-Ernst, im Ernst, dass die Herren "Journalisten" in dieser Branche nicht unüblicherweise von beiden Seiten BEZAHLT werden. Wenn es genug "Freie" gibt, die die PR-Meldungen schreiben und, ein wenig aufgepeppt, noch für ein Trinkgeld von 75 Euro pro Druckseite als "Journalisten" in solchen Blättchen plazieren, dann bleibt eben für echte Journalisten (wo gibts die eigentlich?) nicht mehr viel übrig. Bei vielen Artikeln habe ich eher den Eindruck, dass das Geld pro Druckseite sogar in die umgekehrte Richtung fließt. Praktisch geht dieser Geldfluss natürlich eher über die Anzeigenhonorare.
Re: (che2001)
@Echte Journalisten, wo gibt´s die eigentlich
nimm mal an einer Mitgliederversammlung des djv oder der Arbeitsgemeinschaft Journalisten in ver.di (Ex dju) teil, da findest Du die geballt, und denen ist journalistische Ethik ein echtes Anliegen.
Re: (hockeystick)
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Jedenfalls nicht in der Medizinbranche. Wo Du schon Cholesterin erwähnst, warum schreibt denn keiner die Wahrheit? Oder Osteoporose. Oder Homöopathie. Es wird genau das geschrieben, was die Kassen klingeln lässt.
PS: (hockeystick)
Ich glaube, wir sind uns wieder einmal völlig einig. Nur, dass meine Betrachtungsweise dieses Mal noch eine Spur zynischer (d.h. realistischer) ist.
Re: (che2001)
Na gut, ich schreibe die Wahrheit. Cholesterin ist eine Schimäre, das Problem wurde zum Wohle der Pharmaindustrie gehypt. Gegen Osteoporose hilft intensives Fitnesstraining (z.B. Spinning) plus vitamin- und kalziumreiche Ernährung.Homöopathie ist, wenn man sich den orthodoxen Ansatz durchliest, absurd (Übertragung eines geistigen Heilprinzips durch den abmischenden Homöpathen auf die Substanz), trotzdem in vielen Fällen, die aber nicht quantitativ untersucht wurden, offensichtlich wirksam, wahrscheinlich, weil Patienten daran glauben. Vielleicht sollte man Homöpathie, ähnlich wie das in Deutschland mit Ajurveda gemacht wird, eher im Bereich Wellness anordnen als in der Medizin. Vom aufgeklärten Verstand her ist Bachblütentherapie eine Zumutung und völlig lächerlich, aber auch sie erzielt Wirkungen. Man könnte sagen, dass hier so etwas wie Schamanismus praktiziert wird. Und dass es allzuviele Scharlatane gibt, die mit dem Kram absahnen.
So, so sehr viel mehr wäre dazu eugentlich gar nicht zu sagen. Aber ich bin ja auch kein Medizinjournalist. P.S.: Und ich erinnere mich noch an den Besuch einer Pharmavertrterin auf einer chirurgischen Station, die an der Zentralapotheke vorbei dem Stationspersonal die neue Infusionsnahrung von Fresenius anbieten wollte. Oder der Intensivstation, auf der jeden Monat 4 EKG-Geräte verschwanden, weil irgend jemand sich damit wohl seine Praxis einrichtete.
Placebos (hockeystick)
Zustimmung. Was den Placebo-Effekt angeht, der bei der Homöopathie (wie natürlich auch in erheblichem Maße bei der Anwendung von schulmedizinischen Medikationen) zum Tragen kommt: Der tritt sogar dann auf, wenn man nicht an die Wirkung der Behandlung glaubt.
In diesem Zusammenhang: ?Irgendein anderer großer Physiker, Wolfgang Pauli oder so, besuchte Bohr einmal in dessen Landhaus und sah, dass er ein Hufeisen über der Tür hängen hatte. 'Professor!' sagte er,' Sie? Ein Hufeisen? Glauben Sie denn daran?' Worauf Bohr antwortete: 'Natürlich nicht. Aber wissen Sie, Herr Pauli, es soll einem auch helfen, wenn man nicht daran glaubt.' ? (so überliefert von Harry Mulisch)
Re: Re: (noergler)
Wer lesen kann, ist im Vorteil.
1. Da es sich um Zahnärzte handelt, ist der Deutsche Ärzteverlag hier außen vor. Und wieviel Medikamente verschreibt Dir denn Dein Zahnarzt? Richtig, null. 2. Wie im Telefonat angeklungen, sucht man schon länger. Wie kann das sein, wenn der Job via Korruption eine Goldgrube ist?
Re: (noergler)
Richtet sich an hockeystick den Oberschlauen. -
Am Ende des Boos heißt es natürlich nicht "einlegen", sondern "hineinlegen".
Re: Re: (hockeystick)
1. Der Deutsche Ärzte-Verlag verlegt u.a. die Zahnärztlichen Mitteilungen. (NB: Soviel zum Thema oberschlau).
2. Zahnärzte verwenden in großem Umfang teure Medizin-Produkte und -Geräte, deren Vor- und Nachteile narturgemäß ebenso umstritten sind wie bei den Kollegen Humanmedizinern. Dazu muss mir mein Zahnarzt nichts verschreiben. 3. Ein Joournalist, der für 75 Euro eine Seite abliefern kann, muss eigentlich korrupt sein.
Re: (noergler)
Stimmt, der Ärzte-Verlag macht auch die ZM.
Mit "oberschlau" brachte ich mein Mißfallen darüber zum Ausdruck, wie den Freien, die hier wie andernorts wie der der letzte Dreck behandelt werden, der schwarze Peter zurückgeschoben wird. "Ein Journalist, der für 75 Euro ..." Eben, sie finden ja auch keinen.
Re: (hockeystick)
Noch einmal zur Klarstellung. Der Mann hat meine vollste Sympathie, und mein Beitrag diente allein dazu, meine Hypothese in die Diskussion zu werfen, wie nach meinem nicht unfundierten Eindruck das Geschäft funktioniert. Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich das Verhalten des Verlags auch nur im geringsten billige, dann war das nicht beabsichtigt.
Ah! Verdammt! (noergler)
Schon wieder kein brutalstmöglicher Freitagnachmittags-Flame! ;-)
Ach ja (hockeystick)
Vielleicht noch ein anregender Link zu der Frage, ob sich Korruption durch Medizinproduktehersteller im zahnmedizinischen Umfeld lohnen könnte, obwohl dort nichts verschrieben wird:
http://www.nobelbiocare.com/global/en/WorldConference/default.htm Die Firma NobelBiocare bewirbt ihre "2006 World Tour" natürlich auf der Homepage der "Zahnärzlichen Mitteilungen".
PS: (hockeystick)
Es lohnt sich, unter "INFORMATION" auf "The Arena" zu klicken, und sich dann die Atmosphäre vorzustellen, wie 10.000 staunende Zahnärzte mit Simultanübersetung über die neuesten zahntechnischen wie geschäftlichen Perspektiven dieser Branche aufgeklärt werden. Großes Kino.
Re: "Zahnärztliche Mitteilungen": Hungerhonorare auf dem Luxusschiff (georgdrahtlos)
In ein paar Jahren werden vom Arbeitsamt gepuderte Praktikanten noch Kohle mitbringen, um den Job machen zu dürfen. Die 75 Euro bekommen sie dann »sozial gerecht« vom Amt.
Honorare FZ (Maternus)
Nach meinen eigenen Erfahrungen sind selbst Rahmenhonorare von 210 ? bei Fachzeitschriften recht häufig ein schönes Märchen.
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Mir nach!
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