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09:02 Dienstag, 31. Januar 2006
Und er weiß es. Ich habe es erlebt, wie sie einen sprachlich und investigativ krassen und mit Preisen zurecht überhäuften Kollegen in einer Lokalredaktion versauern ließen, bis er nur noch ein Schatten seiner selbst war.
Ich habe es erlebt, wie sie in fünf Jahren drei Personalverschlankungswellen durchzogen, bis zur Skelettierung der gesamtem Redaktionslandschaft. Ich habe es erlebt, wie sie nach der ersten Welle locker 73 Mio für ein neues Drucksystem spendierten mit der offiziellen Begründung, die Werbung farblich besser darstellen zu können. Ich war dabei, als alle bei dieser Verkündigung devot erstarrten; und der Big Boß fragte, ob da noch Fragen wären in einem Ton, der jede Frage verbot, und ich habe gefragt, ob es der Sinn der Zeitung sei, primär als optimaler Werbeträger sich darzustellen.
Im Blick des Verlagsgeschäftsführers war der Tod. In der Situation war es psychisch das Maximum dessen, was ich leisten konnte. Ich schäme mich heute dafür, daß ich nicht "Ihr Schweine!" geschrien habe. Echt hip war die Nummer mit der europaweit beachteten Jahrhundertausstellung, als ein Kollege dahinterkam, wie der Museumsdirektor die Kontakte, von denen er öffentlich sprach, nie hatte. Die von ihm genannten Kuratoren der ausländischen Museen hatten nie etwas von ihm gehört. Es begab sich aber zu der Zeit, als ich den Chefredakteur sprechen wollte. Der war nicht da. Ich betrete sein Zimmer. Ich sehe ein Schreiben auf seinem Tisch. Höhö, denkt sich der Nörgler, das ist ja von der Landesregierung, nämlich vom (damaligen) Kultusminister Dr. Georg Gölter. Der war verantwortlich für die Ausstellung. Also sprach Gölter, der Chefredakteur habe den Redakteur an die Kandarre zu nehmen; zwei seiten massive Einflußnahme auf eine Redaktion. Der Schatten aber hat seinen Investigator gedeckt. Das kommt mir alles hoch, wo ich im journalist 1/2206, S. 6 dies lese: "Mehr Service als Kontrolle. Der Journalist der Zukunft wird mehr vom Dienstleistungsgedanken bestimmt sein und weniger Kontroll- und Kritikfunktionen wahrnehmen. Das ergab eine Online-Befragung des Leipziger Medienwissenschaftlers Michael Haller unter 8.000 Journalisten in Deutschland. Jeder zweite befragte Journalist glaubt demnach, daß die Recherche in Zukunft aus Zeitmangel oberflächlicher ausfallen werde. Damit verbindet sich die Sorge, daß inhaltliche Fehler zunehmen und die sprachliche Aufbereitung schlechter werde." Die guten Nachrichten sind, daß einer es erfragte und die Journalisten ehrliche Antworten gaben. Die schlechte Nachricht ist die Formulierung von der "sprachlichen Aufbereitung". Sprache nämlich wird nicht aufbereitet; sie ist. Die weitere schlechte Nachricht besteht in den mehrfachen Urteilen des Bundesverfassungsgerichtes, welche das Presseprivileg ausdrücklich mit Kontroll- und Kritikfunktionen verknüpfen: Der journalistische "Dienstleistungsgedanke" ist verfassungswidrig. Die beste Nachricht: Die Journalisten wissen selber, wie inferior, vulgo Scheiße, sie sind. Quelle: http://www.ron.de
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