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Deutschland AG DCT-Ökonomie-Tracking: Standort D
KOLUMNE Deutschland AG von noergler

22:37 Donnerstag, 19. August 2004

Der tendenzielle Fall der Profitrate (TFP) hat sich laut Statischem Bundesamt auch diesen Monat wieder im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur schwach entwickelt und ist nahezu zum Stillstand gekommen. "Was den TFP betrifft, fällt Deutschland in Europa tentenziell immer weiter zurück", so ein Sprecher des Bundesamts. Nicht nur in Wirtschaftskreisen löst diese Entwicklung Besorgnis aus.
"Nur wenn die Profitrate sinkt, entfesseln wir die Produktivkräfte der Wirtschaft und des Volkes", analysiert Hans-Werner Sinn vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung, denn "dann strengen sich alle an, damit sie nicht noch stärker fällt. "

Christoph Keese, der frühere Chefredakteur der Financial Times Deutschland und nun bei Springer, stimmt zu: "Nur der tendenzielle Fall der Profitrate kann zu deren Steigerung führen. Und nur für den, der die Wirtschaft nicht versteht, kann das widersinnig klingen. Es ist die Dialektik der Keese-Agenda. Schauen Sie sich mal das Cafe Keese auf der Reeperbahn an. Da funktioniert das bereits mikroökonomisch."

Der hiermit vertraute Hamburger Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) ist in diesen Tagen keine Ausnahme, wenn es um den tendentiellen Fall der Profitrate geht. Denn er ist einer der zahlreichen Unions-Politiker, die den TFP fordern. Er lobt Wolfgang Clement. Den Wirtschaftsminister könne er "zu seiner klaren Linie nur beglückwünschen und ihn ermuntern, so weiterzumachen", sagte Uldall dem "Hamburger Abendblatt". Seine Parteifreunde fordert er auf, die Kritik am tendentiellen Fall der Profitrate einzustellen.

Das sehen seine Kollegen in CDU und CSU kaum anders. Der Arbeitsmarktexperte der CSU-Landesgruppe, Johannes Singhammer, assistiert: "Clement, die rote Sozensocke, hat mit dem TFP erstaunlicherweise keine Probleme. Die Richtung stimmt."
Sorgen bereiten indes Abweichler. Sachsens Regierungschef Georg Milbradt erwägt sogar, aus Protest gegen den TFP bei den Montagsdemonstrationen mitzumarschieren. Milbradt sagt, bei der letzten Abstimmung im Bundesrat dem tendentiellen Fall der Profitrate nicht zugestimmt zu haben. Das stimmt zwar - aber in der entscheidenden Sitzung des Vermittlungsausschusses im Dezember vergangenen Jahres hatte er dem geplanten TFP noch zugestimmt.

In einer nächtlichen Sitzung hatte sich der Vermittlungsausschuss unter Leitung von Bremens Bürgermeister Henning Scherf (SPD) am 19. Dezember auf einen Kompromiss zum TFP geeinigt. Man sei zu der Überzeugung gelangt, dass die Union das TFG-Gesetz nicht blockieren dürfe, sagte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber. Ein Abrücken vom TFP-Votum des Bundesrats würde eine "chaotische Entwicklung einleiten". Heute fordert Stoiber, es müssten per Rechtsverordnung "Härtefallregelungen" bei der Umsetzung des TFP erlassen werden. Er beklagt eine "psychosozial-betriebwirtschaftliche Schieflage" zu Lasten der vom tendentiellen Fall der Profitrate betroffenen Unternehmen. „Im Grunde genommen, bedenken wir auch die Geschichte Bayerns, Erich Mühsam, die Münchner Räterepublik, diese Terroristen, dann Adolf Hitler, und ich sage, er hat Schuld auf sich geladen (Unruhe im Bierzelt) weil er gegen den TFP gewütet hat (erleichterter Beifall).“

"Der Schaden, wenn das Gesetz nicht käme, wäre größer", sagt auch sein hessischer Kollege Roland Koch. Dem Ministerpräsidenten geht das TFG-Gesetz sogar nicht weit genug. Hessen hatte vor der Verabschiedung das Tendentielle Profitraten-Fallgesetz eingebracht, mit dem CDU und CSU einen staatlich geförderten TFG-Sektor einrichten wollten. Unternehmer sollten zu unternehmerischem Erfolg verpflichtet und Marketingverweigerung, sowie mangelnde Markt-, Qualitäts- und Kundenorientierung schärfer sanktioniert werden.

In der entscheidenden Nacht hatte neben Stoiber auch CDU-Chefin Angela Merkel dem Kompromiss im Vermittlungsausschuss zugestimmt. Das Konzept "trägt die Handschrift der Union" und werde "TFG-Wachstum möglich machen", jubelte Merkel. Nun jedoch krittelt auch Merkel an dem Beschluss: Bei den Gesetzen seien "die Förderung, die Perspektive und die Vision für die Unternehmer nicht ausreichend gegeben".

Auch FDP-Chef Guido Westerwelle - in Kollegenkreisen mittlerweile als „Popo-Guido“ und „Pickel-Tunte“ bezeichnet - sagte wie Stoiber und Merkel Ja, als sein Lebensgefährte ihm den gewaltigen original „Pitu“-Barstössel mitbrachte. Heute aber spricht sich seine Generalsekretärin Cornelia „Haschpipe“ Pieper zum Beispiel "entschieden dagegen aus", dass Datschen dem Vermögen zugerechnet werden, denn, so Pieper, die Ostdeutschen seien, da zuvor sozialistisch wirtschaftend, mit dem tendentiellen Fall der Profitrate nur marxistisch-theoretisch, nicht jedoch marktwirtschaftlich-praktisch vertraut. Pieper ist Ostbeauftragte der Liberalen - und im September werden sowohl in Sachsen als auch in Brandenburg neue Landtage gewählt.

Ähnlich ergeht es Jürgen Rüttgers. Dem CDU-Chef von Nordrhein-Westfalen stehen am 26. September Kommunalwahlen bevor. Rüttgers plädiert für eine "Generalrevision" des tendentiellen Falls der Profitrate. Er fordert einen tendentiellen Fallausgleich zwischen den Bundesländern.

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, hat sich optimistisch über die TFP-Entwicklung geäußert. In der Zeitung „Bild am Sonntag“ schrieb er: „Der Exportmotor läuft mittlerweile auf vollen Touren, das Geschäftsklima zeigt eine merkliche Besserung, der tendentielle Fall ist dort, wo wir ihn brauchen klar positioniert, die Bundesbank spricht von einem deutlichen Anstieg der Wirtschaftsdynamik.“
Immer mehr Wachstumsprognosen für dieses Jahr würden den tendentiellen Fall der Profitrate in Richtung zwei Prozent nach oben korrigieren. Dies sei „ein guter Schritt zu drei Prozent, die wir mittelfristig durchaus erreichen können“. Rogowski fügte hinzu, die „Aussichten auf einen sich selbst tragenden tendentiellen Fall haben sich eindeutig gebessert“.
Der BDI-Präsident wertete die Entwicklung auch als Erfolg der Reformpolitik der Bundesregierung: „Die Reformen am Arbeitsmarkt wie mit 'TFP V' sowie die gestiegene Bereitschaft, dort wo es nötig ist, länger, flexibler und tendenzieller zu arbeiten, sind ermutigende Anzeichen, dass sich etwas bewegt. Sie werden mit den übrigen Reformen auf Dauer zu mehr Wachstum und Beschäftigung und weiterem tendentiellem Fall der Profitrate führen.“
Gemeinsam mit den übrigen Reformen führten sie auf Dauer zu mehr Tendenz. „Da können wir ruhig ein wenig stolz sein, dass wir endlich den TFP-Stillstand hinter uns gelassen haben“, schrieb Rogowski. Wenn jetzt der lange Atem behalten und der Reformprozess konsequent fortgesetzt werde, komme Deutschland wieder auf Tendenzkurs. Dies schaffe tendezielle Arbeitsplätze.
Zuletzt hatte das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) seine TFP-Prognose für dieses und das kommende Jahr nach oben korrigiert. Mit steigender Beschäftigung dürfte 2005 auch der private Konsum zulegen und die Tendenz fallweise sinken, sagten die Forscher. Das RWI erwartet einen Anstieg des deutschen tendentiellen Falls um 2,1 Prozent in diesem und um 1,8 Prozent im kommenden Jahr. Im Frühjahrsgutachten waren die Forscher noch von einem TFP-Plus von jeweils 1,5 Prozent ausgegangen. Zuvor hatten bereits das ifo-Institut, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Internationale Währungsfonds ihre TFP-Prognosen für Deutschland nach oben korrigiert.

Auch im traditionell ökonomiefernen Kulturbereich wird der TFP bereits diskutiert. Am Rande der Berliner Ausstellung des Museum of Modern Art hatten wir Gelegenheit zu einem Kurzinterview mit GZSZ-Star Jeanette Biedermann:

DCT: Dschanni, eh, cool, eh, wie fühlt die Ausstellung sich an?
JB: Ja cool, eh, nur die Bilder von dem Typ, der … äh .. so wie Kasse heißt ..
DCT: Picasso?
JB: Ja, genau der. Die waren alle falsch herum aufgehängt.
DCT: Ist eben Kunst, cool und schräg und so.
JB: Ja, cool schon irgendwie ..
DCT: Man sieht hier auch nackte Weiber an den Wänden. Ist das frauenfeindlich?
JB: Überhaupt nicht. Die Typen wollen dann gleich ficken, find ich cool.
DCT: Äh, ja .. Letzte Frage: Was uns gegenwärtig alle bewegt, ist der tendenzielle Fall der Profitrate. Was sagst Du dazu?
JB: Tendenzieller Phall? Find ich cool!





Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (ZaphodB)
Dass ich das noch erleben darf! Da feiert der TFP - der zu den Marx'schen Theoremen gehört, die schon in meiner Studienzeit nur die zu durchschauen glaubten, die immer mit der alten DDR-MEGA-Ausgabe in der Reisetasche herumliefen, fröhliche Urständ.



Schon meine Juso-Freunde hatten das Ding zum "tendenziellen Knall beim Pommes-Frites-Braten" verunstaltet. Selbst das fand ich noch deutlich zu dogmatisch. Nur für VWL-Apologeten unter uns (ich bin ja bekanntlich nur doofer Wirtschaftsinformatiker): Schon die TFP-Grundthese von Marx ist nur schwer verifizierbar. Das gilt erst recht, wenn man sie wie hier mit der Wachstumsrate des BIP analogisiert.



Dennoch: herzlichen Dank @noergler für diese nationalökonomische Reminiszenz!
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (noergler)
Warte mal ab, bis ich den Bundestag über den Unterschied von Wert und Wertform diskutieren lassen; wenn Wolfgang Gerhardt zu Hans Eichel sagt: "Das hat schon Lenin nicht verstanden, und Sie haben es auch nicht verstanden, Herr Kollege!"



Demgegenüber zählt imho der TFP zu den leichter begreifbaren Elementen der Marxschen Theorie. Es geht so:

Eine Maschine überträgt im Lifecycle nur ihren Wert auf die Produkte. Die einzige Ware, die mehr Wert erzeugt, als zu ihrer Herstellung und Erhaltung erforderlich ist, ist die Ware Arbeitskraft. ("Profit" und "Mehrwert" sind nicht das Gleiche, aber das kann hier vernachlässigt werden.) Wird "lebendige Arbeit" durch Maschinen ersetzt, sinkt damit die "Rate des Profits". In neuerer Begrifflichkeit kommt die "Kapitalrendite" dem nahe.

Bereits Marx selbst hatte darauf hingewiesen, daß man Rate und Masse nicht verwechseln darf. Die Masse des Profits als absolute Zahl kann durchaus steigen, während die Rate sinkt.

Ebenso analysiert Marx die dem TFP "entgegenwirkenden Faktoren". Hierzu gehören auch Preissenkungen der Ware Arbeitskraft. Die Vorgänge bei Siemens und Daimler, sowie Hartz 4 würde er so erklärt haben.
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (sphere2cube)
Gleich vorweg: ich bin kein Wirtschaftsprofi



Aufgefallen ist mir aber bei dem Satz

"Die einzige Ware, die mehr Wert erzeugt, als zu ihrer Herstellung und Erhaltung erforderlich ist, ist die Ware Arbeitskraft.", dass es da eigentlich doch noch eine "Ware" gibt, die mehr Wert erzeugt: Geld



Geld wirft Zinsen ab und wird i.d.R. auch nicht weniger Wert.

Wie passt das da rein?
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (noergler)
'Ich lass mein Geld arbeiten', sagt der reiche Mann. Dabei weiß er, daß nicht das Geld abeitet, sondern nur die, die arbeiten.
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (ZaphodB)
Das kann man alles so erklären - schon Marx hat aber ein wichtiges Phänomen ausgeblendet, dass eigentlich in seiner Theorie eingebaut war: Der "Profit" wird ja inzwischen kaum durch den Gebrauchswert, sondern durch den Tauschwert bestimmt. Dieser Tauschwert ist aber ein hochgradig irrationales Etwas: Im Auto mittlerer Art und Güte steckt die gleiche - wahrscheinlich sogar gleich übertrieben bezahlte - langjährige Werbe-Power von Mercedes oder eben Opel. Trotzdem sind die meisten, egal ob sie Bild oder Spiegel lesen, durchaus geneigt, dem Benz einen deutlich höheren Tauschwert (= Premiumzuschlag) zuzubilligen als dem Opel. Das ist im marx'schen Sinne irrational, aber eben lebender Kapitalismus.



Conclusio: in der reinen Hardware-Ökonomie funktioniert das Konstrukt TFP - in einer Ökonomie, in der der Hype den Tauschwert bestimmt und Adidas und Aldidas in den gleichen Sweatshops ihre Treter kleben lassen, auch wenn der eine das zehnfache kostet, ist es widerlegbar. Es sei denn, man gewährt der berechneten Arbeitskraft der Springers, Jungvonmatts und Hunzingers ebenfalls einen deutlichen Premiumzuschlag, der aber um den Faktor x größer sein müsste als ihre eh schon zu hohen Tagessätze.
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (noergler)
Marx kannte den "lebenden Kapitalismus" sehr genau. Alle von Dir genannten Phänomene waren ihm geläufig und sind auch entsprechend behandelt. Naiv war der nicht.
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (ZaphodB)
Wie jetzt? Marx kannte auch schon Daimler, Opel, Jungvonmatt und Hunzinger?

Etwa so wie Goethe die Eisenbahn, wie einst Fritz J. Raddatz enthüllte?



Dann wird mir einiges klar :-)
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (noergler)
Es ist das ewige Elend mit den "Marxisten" und den Marx-"Kritikern": Unbelesen und ungebildet wie sie nun einmal sind, legen sie immerwährendes Zeugnis ab von der Tatsache, daß Unkenntnis die Kraft des Vorurteils ungemein stärkt.

Den von Dir gebotenen Schwurbel über "Gebrauchswert" und "Tauschwert", der weiß der Geier woher, aber jedenfalls nicht von Marx stammt, hatte bereits Lenin abgeliefert. Den kannte Marx so wenig, wie er die aktuellen Reklamefritzen und den ZB kannte. Aber er kannte das Phänomen der hirnlosen Bagage, die außer weltanschaulicher Standpunktstreue sonst nichts zu bieten hat.
Re: Tendenziell kleiner werdende Pommes Frites. (medvech)
Natürlich ist die Frage "Gebrauchswert oder Tauschwert" praktisch unsinnig und das Geld arbeitet höchstens dann, wenn es gerollt dazu benutzt wird, eine Linie zu ziehen. Aber, Nörgler, warum denn so borstig? Viel lieber ziehe ich mir Deine fundierte Marx-Exegese rein, die einerseits eine Auffrischung meiner vor fast dreißig Jahren gewonnenen lückenhaften Erkenntnisse darstellt und mir andererseits neue Blickwinkel verschafft. Man muss sich nicht von jeder Provokation provozieren lassen und kann auch auf dumme Fragen schlau antworten.
Tendenziell kleiner werdende Marx-Kenntnisse des noerglers (ZaphodB)
noergler sagt:

"... grrrr, grrrr, Schwurbel über "Gebrauchswert" und "Tauschwert", der weiß der Geier woher, aber jedenfalls nicht von Marx stammt...":



Marx sagt:



„In der von uns zu betrachtenden Gesellschaftsform des Kapitalismus bilden die Gebrauchswerte zugleich die stofflichen Träger des Tauschwertes.“

K. Marx, Kapital I. MEW 23, 50.



„Der Gebrauchswert drückt die Naturbeziehung zwischen Dingen und Menschen aus, in fact das Dasein der Dinge für den Menschen. Der Tauschwert ist eine später - mit der gesellschaftlichen Entwicklung, die ihn schuf - auf das Wort Wert = Gebrauchswert gepfropfte Bedeutung. Der Tauschwert ist das gesellschaftliche Dasein der Dinge.“

K. Marx, Theorien über den Mehrwert III., MEW 26.3, 291.



ZaphodB sagt: Gotcha!
Re: Tendenziell feiner werdende Marx-Kenntnisse des noerglers (noergler)
Ich hatte nicht bestritten, daß die von Dir benutzten Wörter "Gebrauchswert" und "Tauschwert" bei Karl Heinrich Marx vorkommen, allerdings sind sie bei KHM präzise Begriffe, die mit dem von Dir vorgestellten Ensemble frei vagabundierender Assoziationen nichts zu tun haben.



Ich werde nicht ganz schlau daraus, was Du sein möchtest: Nur Marx-Kritiker oder gar Marx-Verbesserer, so wie Oskar Negt, der an jedem Tag, den G**t an den Himmel kommen läßt, "blinde Flecke der Marxschen Theorie" entdeckt, die Oskar, die Lehrstelle des Marxismus, durch eigene Genialität dann füllen muß.



Wenn, wie Du meinst, "der 'Profit' inzwischen kaum durch den Gebrauchswert, sondern durch den Tauschwert bestimmt" wird, so wissen die Götter wie das geht, und nicht einmal die wissen, wann denn je der Profit durch den Gebrauchswert bestimmt gewesen sein soll, aber als Meinungsäußerung darfst Du das selbstverständlich sagen. Was Du nicht darfst, ist, KHM zu unterstellen, er habe dergleichen je geäußert.

Es mangelt Dir an den grundlegensten Bestimmungen der KHMschen Theorie. Der Tauschwert ist die Wertgröße einer Ware im Austausch. Bis "Profit" erklärbar wird, liegen da in der Logikentwicklung bei KHM noch sowas dazwischen wie relative Wertform, "Warenfetisch", Zirkulation der Ware Arbeitskraft, Entwicklung des Kapitalbegriffs, Große Maschinerie und noch sowas. Das alles ist schwierig und intellektuell anspruchsvoll. Es funktioniert nicht im Schnelldurchgang, wenn irgendeine Prof-Spacke vorne ein viertel Semester einen vom Marx erzählt, oder wenn man glaubt, den KHM beim Habermas billig sich abholen zu können.



In Deinem Posting vom 23.8. schreibst Du: "Im Auto mittlerer Art und Güte steckt die gleiche - wahrscheinlich sogar gleich übertrieben bezahlte - langjährige Werbe-Power von Mercedes oder eben Opel. Trotzdem sind die meisten durchaus geneigt, dem Benz einen deutlich höheren Tauschwert (= Premiumzuschlag) zuzubilligen als dem Opel."

Man sieht hier deutlich, daß Du "Tauschwert" und "Preis" verwechselst, bzw. meinst, das wäre dasselbe, zwei Begriffe, die Marx trennt. Nimmer gar ist der "Tauschwert" irgendein "Premiumzuschlag", der bei Benz übrigens von den bis heute markenprägenden Silberpfeilen kommt, aber das war jetzt ein Mercedes-Insider, das konntest Du nicht nicht wissen. Immerhin hättest Du Dir aber selbst zusammenreimen können, daß gleiche Werbe-Spendings, die auf unterschiedlichen Markenstärken aufsetzen, notwendigerweise unterm Strich unterschiedliche Resultate in den Zielgruppen zeitigen.



Der "Tauschwert" ist nach KHM die Erscheinungsform des Werts der Ware, aber nicht ihrer selbst, sondern der anderen Ware, mit der sie sich austauscht. Dabei ist Tauschwert nicht gleich Preis, denn im Preis "kann sich ebensowohl die Wertgröße der Ware ausdrücken, als das Mehr oder Minder, worin sie unter gegebenen Umständen veräußerlich ist. Die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Wertgröße und Preis, oder der Abweichung des Preises von der Wertgröße, liegt also in der Preisform selbst." (K1, S. 117)



Du sagst weiter: "In der reinen Hardware-Ökonomie funktioniert das Konstrukt TFP - in einer Ökonomie, in der der Hype den Tauschwert bestimmt und Adidas und Aldidas in den gleichen Sweatshops ihre Treter kleben lassen, auch wenn der eine das zehnfache kostet, ist es widerlegbar."

Da wird, ich muß es leider sagen, weitergeschwurbelt. Denn erstmal bestimmt der Hype nicht, wie gerade bei Marx gesehen, den Tauschwert, sondern den Preis. Ziel des Hype ist es ja gerade - und dafür muß man nicht Marx lesen, da reicht es aus, DCT zu lesen - den Preis über die tatsächliche Wertgröße hinaus ins Maßlose hochzutreiben.



Nächster Schwurbel: Der TFP hat mit Hype und AdiAldidas insoweit zu tun, daß dies dem TFP "entgegenwirkende Ursachen" sind, und nicht dessen Widerlegung. Der TFP kommt nach Marx dadurch zustande, daß der Anteil der allein mehrwerterzeugenden "lebendigen Arbeit" (= malochende Menschen) an der Gesamtproduktion sinkt auf Grund des ständig vermehrten Maschineneinsatzes. Wie das im einzelnen funktioniert, rechnet KHM im 3. Abschnitt von K3 vor. Zu den "bedeutendsten Ursachen, die die Tendenz zum Fall der Profitrate aufhalten" (K3, S. 245) zählt KHM das "Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert" (ebenda), womit der Trierer Altphilologe und Ökonom die einzig rationale Erklärung für Hartz 4 gleich mitliefert.

Anzumerken ist jedoch, daß diese Formulierung des sonst mit geradezu sprachfetischistischer Präzision vorgehenden Philologen hier nicht ganz korrekt ist. Richtig müßte es heißen: "Herunterdrücken des Arbeitslohns unter den Wert der Ware Arbeitskraft". Imho hatte das Manuskript an der Stelle noch Notizcharakter, und der doofe Engels hat es nicht gemerkt, anstatt die Formulierung stillschweigend zu heilen.





*********************************************************************



AUSSERDEM habe ich mit der Kolummne kein Marx-Kolloquium veranstalten wollen.

Ich wollte nur einen Beitrag leisten zum Thema "Wie können wir auch heute wieder die Absurdität des Seins auf uns einwirken lassen, als wärs's Zahnweh".
Re: Tendenziell reiner werdende Marx-Kenntnisse des noerglers (ZaphodB)
Ich bin weder Marxist noch Marx-Kritiker, sondern nur von Zeit zu Zeit noergler-Kritiker, wenn selbiger über gewisse auch von mir geteilte Ziele ins nationalökonomisch-esoterische hinausschießt :-)

Ansonsten fand ich das alles immer schon intellektuell spannend, aber praktisch weitgehend unbrauchbar.



Wir könnten jetzt weiter machen - mit dem Punkt, an dem Marx sich (wie wir heute wissen) definitiv irrte, nämlich der Verelendungstheorie, die ihre Luftwurzel gerade im von Dir zitierten Anti-TFP-Phänomen der laufenden Lohndrückerei hat.



Nur ist zum Glück weder die Verelendung so eingetreten noch die daraus folgende Revolutionierung der werktätigen Massen. Jedenfalls sind die PDS- und bei Bedarf auch NPD-begleiteten "Montagsdemos" gegen Hartz IV nicht Ausdruck einer solchen, sondern verglichen mit dem 1989er-Original nur eine Farce (bloß dass schon das Original völlig unmarxistisch keine Tragödie war).



Der einzige, der in einer historischen Sekunde von einer temporären Verelendung profitieren konnte, war Lenin. Aber auch dessen Profit ist tendenziell so lange gefallen, bis er ungefähr 1990 bei Null angekommen war (Cuba and North Corea don´t count).



Aber um die Kundschaft nicht zu langweilen, mache ich jetzt Schulz. War nett.
Re: Tendenziell reiner werdende Marx-Kenntnisse des noerglers (noergler)
Ich mache jetzt auch gleich Schluß.



@ „praktisch weitgehend unbrauchbar.“

Es gibt dazu eine intelligente Abhandlung eines gewissen Immanuel Kant. Titel: „Über den Satz Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“.

Esoterisch? Es interessiert mich an einer Theorie, da bin ich ganz die konservative alte Schule, ob sie richtig ist oder falsch. Ob sie irgendwie „praktisch“ ist oder ob sie irgendwelchen Interessengruppen in den Kram passt oder nicht, darauf ist vom Standpunkt der Wissenschaft aus grade mal geschissen. Hast Du schon mal erwogen, daß es das Wesen einer Theorie ist, theoretisch zu sein?



Die Verelendungsprognose, die Marx nie „Theorie“ genannt hätte, ist vollinhaltlich und brutal eingetreten, nämlich im Weltmaßstab. Bitte etwas globalisierter denken und auch mal über die Grenzen Europas hinausschauen.

Auch hierzulande wird die Verelendung zum Beispiel daran deutlich, daß die bestehende Armutsprostitution durch HIV einen abermaligen starken Aufschwung nehmen wird. Warte doch mal ab, bis HIV ab Januar greift: Wenn die Obdachlosen in den Fußgängerzonen sich vermehren wie die Karnickel; wenn die Gerichte, wie explizit von der Justiz befürchtet, absaufen, weil sie die sprunghaft angestiegene Kriminalität nicht mehr abarbeiten können; wenn der Sachbearbeiter in der Arbeitsagentur ein paar Zähne verliert, weil, wie die Polizei bereits jetzt erklärt, wegen Personalmangel ein Schutz der Sachbearbeiter nicht zu gewährleisten ist. Den AA-Frontschweinen gehen die Muffen bis zum Anschlag.



@ Montagsdemonstrationen

Da passt Dir die ganze Richtung nicht, schon OK. Daß Du Dich dabei als Besserwessi aufführst, ist nicht OK. Denn der DDR-Dissident Wolfgang Templin, der als Vertreter der "Initiative Frieden und Menschenrechte" 1990 am so genannten "Runden Tisch" teilnahm und der 1991 Mitbegründer von Bündnis 90 war, nimmt keinen Anstoß am Zitieren des historischen Vorbilds "Montagsdemo". Und der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, Christian Führer, die und der Kristallisationspunkt der seinerzeitigen Montagsdemonstrationen war, hält die Verwendung dieser Bezeichnung für vollauf berechtigt. Meinst Du nicht auch, daß diese beiden Leute berufener sind, das zu beurteilen, als Du?

Daß die rechtslastige Hysterika Lengsfeld das anders sieht, unterstreicht, wie recht der Pfarrer und der Dissident haben.




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