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02:47 Mittwoch, 22. Oktober 2003
Um mich herum sind die Feinde. Startupper, VCs, Business Angels, Beiwerk aus der Munich Area. Hinten läuft gerade ein "Top-Mann" vorbei, gegen den ich drei Insider geschrieben habe. In Köln, Frankfurt, Düsseldorf mögen mich die VCs, weil es gegen das verhasste München geht. Hier sitzen dagegen die Leute, die sich Liquide gekauft haben, um es ihren Anwälten zur Prüfung zu geben. Ich bin unter ihnen, und sie erkennen mich nicht.
Vorne auf dem Podium sitzen VCs und finden die Situation echt schlecht. Der Staat ist so gemein, weil er Steuern will. Die Gesellschaft ist nicht bereit, Risiko zu belohnen. Im Publikum führen sich die Startups auf wie die Springteufel. Bäh Ihr seid gemein weil Ihr uns kein Geld gebt. Immer die gleichen, die nicht kapieren, dass VCs geldgeil sind, und keine Wohlfahrtseinrichtung für komische Teckies mit hässlichen Schuhen. Sie wissen noch nicht mal, dass man unter Wölfen gut angezogen sein muss, und lassen ihren billigen C&A-Frust raus. Ein müdes Trauerspiel. Vor vier Jahren wäre das hier noch ein Top-Event der Systems gewesen. Jetzt dissen sich die Reste der New Economy gegenseitig, ohne dass ein Journalist davon Notiz nehmen würde.
Dabei sitzt vorne ein ganz Grosser und den anderen, die eher klein sind, bestenfalls. Falk "Technologieholding" Strascheg ist da. Der Geldgeber von Intershop und Brokat. Der Macher der Konzept-IPOs. Das Genie, der sein Beteiligungsimperium an die angeblich so erfahrene 3i verkaufte, die einen Superdeal machen wollte und sich bis heute mit den maroden Firmen abmüht. Strascheg ist der Mann, der im Manager-Magazin seine Rendite mit dem Drogenhandel verglich. Und jetzt sagt er den kleinen Kläffern da unten, dass VCs an sich selbst denken, und an ihren Profit. Weniger an die Gründer. Schon gar nicht, wenn sie so mies angezogen sind, denke ich mir dazu, und verlange nach dem Mikro. Ich bin gut angezogen, und will von Strascheg nur eine Sache wissen: Nachdem gerade alles so schlecht läuft und 1999/2000 alles viel besser war, wünscht er sich nicht einen neuen Hype? Strascheg sagt, dass Extremismus immer schlecht ist, nach oben wie nach unten, auch in der Politik sei er nicht gut, damals war vieles überzogen, nein, einen Hype, den wünscht er sich nicht, aber bessere Zeiten schon. Er ist ein sehr gut angezogener Wolf, das Schafsfell kommt halbwegs überzeugend, aber ich glaube ihm nicht. Nur im Hype lassen sich Traumrenditen erwirtschaften, mit denen der VC Strascheg berühmt wurde. Nur der Hype könnte dafür sorgen, dass die Hungerleider im Parkett die Klappe halten. Nur im Hype würden die Politiker-Pudel wieder jeden Brocken fressen, den die Straschegs dieser Erde für sie bereithalten. Aber dazu bräuchte man auch willige Medien, die die letzte glimmende Glut wieder schüren. Und diese Medien sterben aus. Ihr Tod fällt kaum auf, denn ihre Ziele sind nicht mehr von Belang. Selbst so ein grosser Anheizer wie die Stock-World Media AG kann fast unbemerkt verenden. 2000, da waren die noch richtig gross und gut mit dabei im Milliardengeschäft IPO, und mit einem anderen tollen VC im Hintergrund: Dem Emissionshaus Gold-Zack. Das war Synergie total: Stockworld war eine der heissesten Communities, wo sich Hausfrauen und Taxifahrer über Glasfaser und Value Chains unterhielten. Futter verschaffte die hauseigene Redaktion im eigenen Börsenbrief. Und für RTL machte man ein Börsenspiel, bei dem der Gewinner so richtig fett Kohle bekam. "Führend" und "umfassend" waren so Worte, die Stock-World gern für sich gebrauchte. Geführt hat das nach drei Jahren Post-Hype letztlich doch nur zum Insolvenzverwalter. Keine Gefahr, dass da nochmal jemand einen Hype macht. Danach gibt es noch einen Umtrunk. Allein schon das Wort... Umtrünke gibt es vielleicht bei Lesungen, aber bei dieser Runde sollte es schon mehr sein, selbst ohne Hype. Erdnüsse, Salzstangen, zwei Sorten Käsehäppchen, Feta mit Olive und Emmentaler mit Gurke, Brezen. Einiges an Prosecco, Wein und Drinks zu Runterspülen. Der Hype ist vorbei. Niemand treibt mehr die Stimmung nach oben. Sie wollen keinen Hype mehr, sagen sie. Stock-World wäre vielleicht sogar froh gewesen, noch etwas dahinzuvegetieren. Aber unter Kiton und C&A, ganz tief, da glimmt noch das Verlangen nach dem Hype, dem endlosen März 2000, die Nächte auf dem Foundersforum in Elmau im Pool, was für ein heiliger Name, dessen Reich dann doch nicht ganz gekommen ist, auch wenn wir es gewollt haben, an der Bar und am Buffet, wo wir mehr bekommen haben als nur Brot, und wir erwarteten, dass man über unsere Anlaufverluste hinwegsah, wie auch wir über die Verschwendung der anderen nur die Schultern zuckten, denn das war unsere Welt und Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit. Ahem, sagt jemand. Und dann reden wir über was anderes. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (che2001)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (DonAlphonso)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (che2001)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (DonAlphonso)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (che2001)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (DonAlphonso)
Re: Stock-World Media pleite. Ich bin gut angezogen unter Wölfen. (pistensau)
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