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17:06 Mittwoch, 15. Oktober 2003
Autor dieser Kolummne ist DonAlphonso. Sie wurde aus dem Kommentarbereich hier eingestellt, da es keinen Grund gibt, zu einem Thema nicht 2 Kolumnen zu veröffentlichen, wenn beide stilbildend sind und den Nerv treffen. Klicken Sie auf "mehr", wenn Sie DonAlphonso schreiben sehen wollen: "Wie werde ich Froitzheim?"
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Ich hatte das Radio zu spät eingeschaltet. Um wen es ging, bekam ich nicht mehr mit. Aber als ich hörte, dass man einen fetten, aufgedunsenen Kadaver aus dem Hamburger Hafen gezogen hatte, der sich zuvor verirrt hatte und in eine Schiffsschraube geraten war, dachte ich erst: Naja, wird halt wieder so ein buffetgemästeter Trendforscher gewesen sein, der branchenüblich dachte, dass anything goes, und er auch auf dem Wasser gehen kann, wie andere Erlöser auch. Schliesslich sind die ja dazu da, Heilsvisionen zu entwickeln und neue Wege zu finden, die früher niemand für möglich gehalten hat. Leider, für den Umweltschutz, war es dann ein unter Artenschutz stehender Wal. Einen Trendforscher sah ich erst auf der Website des Hamburger Online-Zines Spiegel.de: Auch nicht gerade extrem abgedunsen, der Herr Wippermann, aber nicht von der Schiffsschraube mitgenommen, sondern quietschlebendig. Es ist eine Weile her, dass ich mal mit ihm auf einem Event war. Damals, Ende 2001, versuchte er noch panisch, seinen New Economy Duden schleichwerbend unters Volk zu bringen. Da muss doch auch wieder sowas sein, dachte ich, und tatsächlich: Wippermann hat ein neues Trend-Buch am Markt. Also ab damit zu Deutschlands Online-Medium No. 1 und in einem Essay erzählt, was in etwa da drin steht. Wie werde ich Froitzheim? Vielleicht war Wippermann ja mit Froitzheim bei einer Ulla-Party, vielleicht hat er auch nur seinen Artikel aus der Brand1 geklaut. Munter zitiert er eine neue 69%derUserwollenKAUFEN!-Studie von Fittkau & Maass, die schon 1999 den Durchbruch von B2C erwarteten. Oder den Einzelhandelsverband, der Otto und Neckermann zu E-Commerce rechnet, oder den unerwarteten hohen Anstieg bei B2B in Amerika - was nicht gerade überrascht, wenn man den Ausgangspunkt kennt. Als die grundlegende Studie 1999 verfasst wurde, war man noch auf voll B2C gepolt. Die zu B2B gewechselten Hungerleider, die überlebt haben, blasen die Bilanz jetzt auf - aber mit so kleinkrämerischen Argumenten gibt sich so ein Wippermann bei der Suche nach Kunden für seine New-Economy-Jubelorgien nicht ab. Jetzt kann man sagen, gut, wer sich durch das simple Namedropping der Grosskonzerne, Zukunftsagenturen und Forschungseinrichtungen den Trend der auferstehenden New Economy aufschwatzen lässt, ist selber Schuld. Wer nicht weiss, dass Supply Chain Management ein alter Hut ist und durch das Netz nur fortentwickelt wird, und sich deshalb was vom Internetkühlschrank erzählen lässt, bekommt den Trendforscher, den er verdient. Wippermanns Vision der Global Player im Internet ist nun mal notwendig für so einen Trendforscher, der kein Geld von Startups mehr bekommt und sich nun neuen Hintereingängen und Klinken zuwenden muss. Schliesslich sind die Zeiten vorbei, wo er noch mit einem gewissen Peter Kabel zusammen einen Laden aufmachen konnte und damit von dem Börsenhype profitierte, den er jetzt beschimpft. Was sind die meistgebrauchten Synonyme für den Stand der Trendforscher nochmal? Lügner? Spesenritter? Wendehälse? Sülzköppe? Ein wenig von allem mit einer grinsenden Fresse davor und Powerpoint dahinter? Die meisten meiner Bekannten greifen schnell zu drastischen Worten, wenn sie von ihren Erfahrungen mit Trendforschern erzählen. Der unerwartete, nicht vor(her)gesehene Downturn hat sie zu Witzfiguren werden lassen. Das Problem im hier vorliegenden Wippermann ist weniger der Versuch, devot an die Fleischtöpfe der Old Economy zu kriechen. Das Problem ist das Gastgeschenk, mit dem Wippermann da vorstellig wird: Ein Menschenbild, das Menschen im Internet als umsatzkotzende Kommerzschlachtsäue begreift, deren Verwertung optimiert werden soll. Grundlage ist die Ideologie der Netzmenschen, die ab 1999 unter der Phrase "always on" durch die Busienss Pläne geisterte. Neu aufgewärmt und etwas anders umschrieben, zieht sich die Ideenausdünstung der dauerinternetbrauchenden Konsumenten, die endlich ihr Geld loswerden wollen, durch die wippermannsche Zukunftskloake. Das "immer dabei sein" soll sich in MMS und WLAN manifestieren, im Computer in den Kinderzimmern, im Online-Banking, (kostenpflichtigen) File-Sharing, und zu welcher konsumförderlichen Hirnerweichung das führt, sieht man an Wippermann selbst, der nach so viel Onlinesein allen Ernstes sowas schreibt: "Handel mit Onlinetrading". Schlussredaktion, anyone? Was macht die Lebensqualität in der neuen New Economy aus? "Wer in den Urlaub fahren kann und mit einem Ohr im Büro bleibt, dabei mit dem Handy Fotos macht und sie am Strand versenden kann, hat mehr vom Leben." sagt Wippermann allen Ernstes und beschwört einen zukünfigen Anything Goer des Typs, der es schon 1999 geschafft hat, alle Freude an der New Economy und am Internet zu ruinieren. Anytime Anywhere Anything Anyscheissdreck. Und natürlich, so Wipperman, wird auch jeder versuchen, in Zukunft online seinen Geschlechtspartner zu finden. Eigentlich logisch, denn die dauersurfenden-online-MMS-Handy-Krakeeler am Strand mit dem Aussehen des Herrn Wippermann haben es gegen Typen schwer, deren Core Assets Surfboards, Offroadbikes oder Muskelpakete sind, die sie garantiert nicht vor dem Bildschirm erworben haben. Und das ist vielleicht auch der eigentliche Grund, warum diese Typen wirklich so auf das Netz abfahren. Weil das der Ort ist, wo sie ihre verpfuschte, kleine Existenz aufbauschen und Falten mit Photoshop wegradieren können, es keine Widerrede gibt und virtuell alles klappt, was sie offline vergeigt haben. Blick immer nach vorn, nie nach hinten zu den rauchenden Trümmern, die man mitverantwortet hat. Die Zukunftsfixierung ist Realitätsflucht. Denn ganz tief innen drin, da begreifen sie das Paradox, in dem sie leben: Sie kennen angeblich die Zukunft, aber sie haben es schon einmal versagt, man stellt ihnen böse Fragen und schaut genau hin, und jetzt sind sie nicht mehr sexy, sondern nur 5 Jahre älter, fetter, gelifteter und retuschierter, sie sehen einfach nicht mehr nach schöner Zukunft aus. Auch nicht mehr nach Trend. Nur noch wie etwas, das man aufgedunsen im Hamburger Hafen vermuten würde. Hey, fuck, sie sind auch noch auf der gröbstgepixelten MMS HÄSSLICH! And thaz whad iz all about. Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Re: 100 Zeilen Hass: Bullshit Reloaded (ulichspe)
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