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19:47 Samstag, 30. August 2003
Ich habe gerade meine Calugi e Gianelli Sachen meiner Putzfrau gegeben, für ihren Sohn in Bulgarien, erzähle ich Anke und Lars, die damit leben können, dass sie bei mir auf Stahlrohrmöbeln von Terragni sitzen müssen. Ich kann Dezember 1999 nicht Bauhaus kaufen, sonst hält man mich noch für einen angepassten Judenfreund. Also sitzen Anke und Lars auf Mossulini-Möbeln, die farblich aber ganz gut zu ihrem Strellson-Wear passen.
Wir reden darüber, ob es ok ist, wenn man die Aufnahme in St. Gallen nicht geschafft hat, und dabei nicht Koks genommen hatte. Ich finde, man kann auch ohne Koks versagen, es gibt ja noch Witten Herdecke und die Beisheim Uni für Leute wie uns, und die Schweiz ist sowieso nicht mehr das was sie mal war. Anke und Lars, die als High Potentials bei einer Consulting Firm arbeiten, stimmen mir zu, und wollen noch ein Glas Rothschild oder Moet. Leider waren gestern Maxim, Rebecca und die Benjamins da und haben sich darüber beschwert, was für ein Schwein der Tom mit seinen erfundenen Interviews doch ist, und sie haben sich betrunken wie damals in Salem. Deshalb ist nur noch Whiskey da, aber das finde ich nicht angemessen für meine Gäste. In Bangkok wäre das was anderes, nur in München wäre das ein Verbrechen an meinem Ruf.
Ich klingle deshalb für ein paar Flaschen im Loft nebenan, aber da fällt mir ein dass die Antje und ihr neuer Typ in Barbados sind, und ich die Katze hätte füttern sollen, aber ich mag keine Katzen und nach drei Wochen ist das sowieso zu spät, was auch der strenge Geruch aus Antjes Loft bestätigt. Ich gehe zu Lars und Antje und sage dass es mir leid tut aber mit dem Afterwork-Cocooning wird das heute nichts weil nichts mehr zu trinken da ist und die Geschäfte schon zu haben. Aber das kann man nicht ändern und wie soll ich einkaufen wenn ich den ganzen Tag mit meinem Agenten reden muss, welche Zielgruppe ich mit meinem nächsten Buch bedienen soll. Mir geht das genauso sagt Anke. Ich sitze jeden Tag 12 Stunden am Rechner und erstelle Konzepte, und dann soll ich am Samstag schnell alles zu Essen einkaufen, wo das doch mein Prada-Tag ist. In Bangkok gibt es Slumkinder, die bringen einem das Essen bis an die Tür und für ein paar Mark auch noch ein paar Pillen, sage ich. Keine gute Idee. Mir fallen die letzten Pillen in Bangkok ein. Sie waren zartgrün, und ich musste die ganze Nacht kotzen. Allein beim Gedanken kommt es mir wieder hoch. Ich stehe auf, gehe mit ruhigen Schritten ins Bad, aber es kommt zu schnell, und so erbreche ich stechend riechende Flüssigkeit über meinen Zegna-Anzug. Gut, dass morgen die Putzfrau kommt. Als ich micht geduscht und umgezogen habe, sind Lars und Anke dabei, darüber zu reden, dass man am besten alles online bestellen sollte. Fast alles natürlich, keine leicht verderbliche Ware, aber eben alles, was so ein moderner Mensch mit unseren Ansprüchen braucht. Besonders die Gummibären im Kochtopf für das ganze Startup, in dessen Aktien ich den Gewinn meines nächsten Buches investieren werde. Das ist optimal, sagt Anke. Wir bringen die Bestellung direkt zu den Kunden. Ab 50 Mark Mindesteinkauf und sechs Mark für die Lieferung, bis 21 Uhr. Damit haben wir 2003 den Break even in München. Und wir bieten richtige Massen an. Nicht nur eine Packung Zigaretten, sondern gleich eine Stange. Da sparen wir enorm an der Logistik. Das müsste mit 10 bis 20 Leuten in München zu machen sein. Ein idealer Supermarkt, gerade für dynamische, viel arbeitende Young Professionals. Essen ist auch ein Massenmarkt, mit vielen drögen Kunden, sage ich. Wie Bücher und die Tempo. Die sind jung, die kaufen da sicher. Ist auch sehr angenehm. Ja, sagt Lars. So machen wir das. Ein Branding brauchen wir noch. Aber nicht heute, sage ich. Wir entscheiden, dass wir ins Pacha gehen. Draussen stelle ich fest, dass mein Porsche abgeschleppt wurde. Deshalb leihen wir uns Antjes SLK aus, auch wenn ich SLK prollig finde. Im Pacha treffe ich Berit und bin am nächsten Tag bei ihr. Ein Jahr später höre ich, dass eine Anke Speer und ein Lars Gerschau es tatsächlich getan haben und jetzt dabei sind, den Münchner Markt aufzurollen. Sie nennen es Bringall.de. Sie sind Stars in der Münchner Szene. Und Ciao.com verteilt Bringall-Gutscheine. Das ist nett. Ich wäre gern zu ihrer Housewarming-Party gekommen, aber da bin ich gerade in Malaysia und treffe Eckart und plane ein Buch. Wir versuchen ein paar Monate später aus Nairobi, wo es keine guten Drinks gibt, was bei Bringall zu bestellen, aber es kommt nichts, weil sie immer noch auf München begrenzt sind. Schade. Das schliesst Menschen wie mich aus, was ich etwas diskriminierend finde, aber der Shop ist wirklich geschmackvoll und da kann ich das verzeihen, also gehe ich mit Eckart einen Joint kaufen, der es auch tut. Ich schaue im Internet immer wieder mal vorbei, aber Bringall bleibt in München, das Angebot bleibt auch immer gleich, und sie liefern noch nicht mal nach St. Tropez, wo ich im Sommer eine Yacht nehme, um endlich mein neues Buch zu schreiben. Das ist nicht einfach, weil sich die Zielgruppe geändert hat und Florian auch nicht mehr Chef der Berliner Seiten ist, aber da muss ich sowieso mal mit dem Schirrmacher wegen dem Marketing reden. Jedenfalls war da Bringall immer noch im Netz. Aber jetzt ist es weg. Vielleicht sollte ich Lars und Anke mal wieder anrufen, wenn ich nach Bangkok einen Zwischenstop in München machen muss, und dann kann ich auch gleich bei Eduard Meier vorbeischauen und mir Strandschuhe machen lassen. Andererseits, Antje ist sicher noch wegen ihrer Katze sauer, die Miete habe ich schon lang nicht mehr gezahlt, und ohne Bringall kriege ich noch nicht mal einen Topf Gummibären vor die Wohnungstür geliefert. Ich glaube, ich mag München nicht mehr. Es ist mir unangenehm. Quelle: http://www.bringall.de
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Ich bin mir da nicht so sicher... (DonAlphonso)
Re: Ich bin mir da nicht so sicher... (netbitch)
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