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Knoll Informationssysteme Knoll-IS, ein kleiner ERP-Laden, ist platt - und ich will 1.000 Leser
INSIDER Knoll Informationssysteme von held-der-arbeit

00:22 Dienstag, 26. August 2003

An dem Entwickler ist alles Reval-Gelb. Die Fingernägel, die Zähne, das Weiße der Augen. Als ich ihn das erste Mal auf der Systems traf, gab ich ihm noch sechs Monate bis zur Cebit. Dann wieder sechs bis zur Systems. Das hat sich seither fünfmal wiederholt. Er lebt noch immer. Durchs Telefon höre ich das Rasseln seiner Lungenflügel, das Pling des Zippo, das leise Knistern der Glut.
"Hören Sie mal, Reval, die Website von Knoll Informationssysteme ist unten, unter Telefon 07581/4831-0 ist dauerbelegt. Sind die tot?" Als Reval lacht, löst sich ein dicker Pfropfen Schleim, die Antwort geht in einem konvulsivischen Husten unter. Drei Monate, maximal. Endlich die Antwort. "Held der Arbeit, wieder nichts besseres zu tun als für Dotcomtod zu schreiben? Ja, Knoll Informationssysteme ist platt, aber eine 20-Mann-ERP-Bude aus Bad Saulgau, na ja, im Endstadium warens vielleicht noch zehn, das interessiert dort doch keinen."

"Eben schon", entgegne ich. "Wissen Sie, es kommt letztlich nur auf die Aufbereitung an. Außerdem ist die Seite auch nicht mehr das, was sie mal war. Erst neulich zerfleischten sich dort ein paar Altgediente, 105 Kommentare zu einem ziemlich läppischen Anlass. Ich selbst sehe Dotcomtod nicht mehr so naiv wie früher, Wahrheitsinsel im Meer der allgemeinen Verblödung, Mahnmal gegen die Hybris und so. Sie erinnern sich an meine Euphorie? Zur Zeit bin ich ziemlich desillusiniert und enttäuscht, weil mir die Grüppchenbildung und das Selbstreferenzielle der Seite den Spaß gründlich verdorben haben. Aber lassen wir das weg. Was war mit Knoll?"

Reval lacht: "Dasselbe wie bei Eurem Dotcomtod. Ein gutes Produkt und Leute, die alles dafür tun, das eigene Produkt kaputtzumachen."

Und er hebt an zu erzählen vom Aufstieg und Niedergang einer ERP-Bude. Wie es begann, Mitte der 90er Jahre, damals noch mit PPS. Die Marktlücke war da. Herkömmliche PPS-Systeme waren einzig dazu gedacht, eine Großserienfertigung durchzuplanen. Der auftragsbezogene Einzel- und Variantenfertiger ging zu Fuß, arbeitete auf Basis einer Maximalstückliste oder schob eine neue Variante gleich komplett in die Konstruktion. Und die konstruierte dann dasselbe Teil zum x-ten Mal.

Dann kam Knoll Informationssysteme mit dem Programm unipps. Ein Variantenkonfigurator auf Basis simpelster "Wenn-Dann-Sonst"-Operationen im Mittelpunkt der Architektur. Redundanzfreie Datenhaltung durch ein Teilegruppen-Konzept. Porsche Austria kauft. 75 mittelständische Fertiger kaufen. Zeppelin kauft und generiert damit Silos. Wenn-Dann-Sonst-Operationen. Wenn Silo in Kuba, dann Wirbelsturm-Tabelle beachten, sonst Silo umfallt. Sogar die Statik eines Großsilos braucht nicht mehr jedes Mal aufs Neue berechnet zu werden, sondern lässt sich aus dem PPS-System heraus generieren. Genial. Jahre Vorsprung in der Variantenthematik vor Navision, Bäurer, Baan. Mittelstandsgerecht und damit Jahre Vorsprung vor SAP. Der Vertrieb erfasst in einer Multiple-Choice-Maske Produktbeschreibungen, das PPS dahinter prüft auf Plausibilität, zerlegt das Ganze in Stücklisten, wirft Angebote aus, entwickelt Arbeitspläne auf Personen-, Maschinen-, Fertigungsstraßen- und Werksebene.

Reval gerät ins Schwärmen. Seit zehn Minuten kein Pling des Zippo mehr zu hören. Unglaublich. Doch noch ein halbes Jahr?

"Ja, und dann?", frage ich. "So geht man doch nicht pleite!"

"Ja und dann", fährt er fort, "dann halt das Übliche. Dasselbe wie bei Eurem Dotcomtod. Die Häuptlinge kriegen sich in die Wolle. Der eine schreit: E-Procurement. Der andere besteht auf dem VDA-Lieferabruf. Der Dritte meint, lass uns doch mal lieber was für den Sondermaschinenbau tun. Der erste schreit Linux. Hin und her. Hick und Hack. Leute werden beleidigt, Leute gehen beleidigt weg. Das Fußvolk verliert den Spaß. Zuletzt war unipps ein Bananenprodukt, das beim Kunden reift. Die Entwicklung schreibt nur noch Patches, aber die Muftis beharren auf ihrem Größenwahn. Nächstes Jahr zeigen wir es SAP. Die Vertriebspartner wenden sich ab, die Kunden auch. Anfangs lief es im Vertrieb rein über Mundpropaganda. Zum Schluss wurde offen abgeraten. Das Ende war dann abzusehen. Der Insolvenzantrag auf dem Amtsgericht Ravensburg ist gestellt, hört man, aber veröffentlicht ist noch nichts."

"Schade", meine ich, "dann wird es nur ein Insider."

Quelle: insider




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