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20:12 Montag, 14. Juli 2003
als wir gegen zwei Uhr doch nicht weiter um die Häuser zogen, und auf ein Taxi warteten. Die Luft war noch immer voller Tageshitze, Smog und Ozon. Nach Monaten der kalten Muffelei fing München wieder an, nach heisser Verwesung zu stinken. Da half nur eines: Innerlich desinfizieren, sonst holt man sich was. Mumps. Cholera. Einen IT-Spezialisten. So einen wie den, vor dem wir Sabine und ich auf der Flucht waren.
Es war in meiner Lieblingsbar No. 4. Nicht so schön wie die Hongkong Bar, nicht so degoutant wie das Morizz, und nicht so rotorange wie die Essbar, aber auch ganz nett. Und mit 24 Stunden Happy Hour Preisen für mich, wenn der Cheffe da ist. Nur war er diesmal nicht da, was ich aber erst merkte, als wir schon bestellt hatten. Schlecht. Keine Chance, die Rechnung meinem krisengeschüttelten Arbeitgeber aufzubrummen. Vielleicht steuerlich absetzen? Ich muss morgen mal mit Justin sprechen, meinem unfreiwilligen Steuerberater, der es lieben wird, wenn ich in einer Besprechung sein Privatissime-eigentlich-nur-Tochter-Notruf-Handy klingeln lasse und ihn mit meiner Fragerei nerve.
Zwei Bestellungen später schien wieder die lemongelbe Sonne in meinem Herzen über einem ruhigen Wodkateich. Nur manchmal kam ein Frosch hoch und liess mich aufschlucken. Icks. Ansonsten verhielten sie sich ruhig, und laichten eine Runde. Irgendwann fühlte ich die rumwuselnden Kaulquappen im Bauch, und Icks plötzlich war Icks die FroschepedemIcks da. Schon wieder. Liebe SabIcksine, ich glaube, ich muss mal schnIcksll wohin, bin gleich wieder daIcks. 5 heldenhafte Minuten mit viel angehaltener Luft später hatte ich die Frösche erstickt. Der Krieg gegen die Frösche fand im Foyer der Klos statt, mit vielen Spiegeln. Man kann sich dabei beobachten. Wenn man auf sowas steht. Ich ja eher nicht. Bei Reportagen über ungewöhnliche Sexualpraktiken wie würgen oder Knebeln lasse ich immer andere vor. Aber was mir dann endgültig den Atem verschlug, war das, was neben Sabine sass, als ich zurück kam. Der übliche, schon leicht angebeulte dunkle Anzug. Ein problematisch-blaues Hemd. Eine 1998er-SSV-Krawatte, mit neckischen Füllern aufgedruckt. Schlimmer sind nur noch Krawatten mit Handies. Kurze, nach vorn gegelte Haare. In Richtung einer niedrigen Stirn, die diese Haare einfach nicht vertrug. Er hatte wohl niemand, der ihm das sagte. Aber er wollte jemanden. Wie Sabine. "Ach, Sie sind Anwältin, wie nett, wenn ich zahle und wir schlafen miteinander, dann kann ich in Zukunft ja immer anrufen und was fragen", waren seine miserabel kaschierten Hintergedanken. "Lass Deine Pfoten von ihr", war das, was ich gerne gesagt hätte. Sabine sah nicht glücklich aus. Ich pirschte mich heran. "...naja, was soll man tun in diesen Zeiten. Also haben die von ITelligence gesagt, der Standort München muss einfach diese Kröte schlucken und effektiver werden. Kosten runter, Gewinne rauf, ganz klar. Heutzutage muss man ja nicht mehr vor Ort sein, um so eine Software-Betreuung zu machen. Bei den Flugpreisen können wir die Leute auch vom Headquarter kommen lassen. Uns ist es egal, kostet genausoviel. Und für die ist es gut, nirgendwo sterben denen die Kunden weg wie in München." Erst in diesem Moment nahm er mich zur Kenntnis. Mit diesem Blick, der erkennen liess, daß er zumindest eines begriffen hatte: Diese drahtige, energische Person wird nie in der Küche eines Vorstadtreihenhauses stehen und die Pampe kochen, das Baby später kotzt. Es war dieser Sag-mal-bist-du-lesbisch-Blick, den sie haben, seit Coupe über flotte Dreier mit der besten Freundin schreibt. Ne, eher nicht. Also verdoppelte er seine Anstrengungen in Richtung Sabine. "Also haben die eben reinen Tisch gemacht. Und weil sie sich das jammern sparen wollten - ich mein, die finden ja überall was, die sind nur zu faul was neues zu suchen - sind dann die Kündigungen direkt zugestellt worden. Direkt von den eigenen Leuten in den Briefkasten, hähä. Ohne Briefmarke, rein damit. Bedarf natürlich einer gewissen Geheimhaltung im Betrieb. Aber wer quatscht, hätte sich gleich selbst die Kündigung mitnehmen können. So macht man das heute. Dann wissen die gleich, wo der Hammer hängt. Klasse Sache. Davon kann man lernen." Sabine lächelte ihn an, wie frau eben debile Männer anlächelt, die sich mit ihren Grosskotzgeschichten an Frauen ranschmeissen. Dann wandte sie sich zu mir: Lucrezia, das ist Martin Maulheld, eigenen Worten zufolge eine grosse Nummer bei einem grossen Kunden des tollen SAP-Beratungshaus ITelligence, mit über 1000 Mitarbeitern und einer enorm gerupften Münchner Dependance. Darf ich vorstellen, Lucreazia_B, sagte Sabine. Hi sagte er und riss meine Hand an sich. Mitarbeiterin bei einer nicht ganz kleinen Zeitung, fuhr Sabine fort. Er liess die Hand los, als ob er eine Tarantel angefasst hätte. Kein Stil. Keine Contenance. Aber keine Sorge, sagte ich und schaute so hübsch, wie ich es nur schaffe, wenn ich lüge. Über so etwas würde ich bei uns nie schreiben. Ausserdem hat Itelligence gar nicht die richtige Grösse für unsere Leser. Siemens Hoffmannstrasse, das ist eine Hausnummer, bei der es sich lohnt. Irgendwie wirkte der Typ etwas beruhigt. Er laberte eine halbgare Entschuldigung und verzog sich mitsamt Bier in einen anderen Teil der Bar. Was sind das nur für Leute hier, meinte Sabine und rührte angesäuert in den schalen Resten ihres Mai Thais. Lass uns gehen, sagte ich. Und dann standen wir draussen im Pesthauch der Millionenmetropole, und Sabine erklärte mir, wie sie den Typen bei ITelligence den Hintern wegklagen würde. Weil sowas geht echt nicht. Doch, sagte ich. In München geht sowas. Pah, schnaubte Sabine. Pah! In diesem Moment hielt ein Taxi. Quelle: insider
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