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22:27 Dienstag, 08. Juli 2003
Die Tasche ist aus glattem, teuren Leder und flach. Eines der typischen Utensilien der Munich Area. Höchstens geschaffen für einen Toshiba Tecra oder ein Powerbook, und das perfekte Asset für den Lohnsteuerjahresausgleich. Wäre sie nicht vollgestopft und ausgebeult, würde sie edel wirken. Die Frau, die an der Tasche hängt, hat schon alles hinter sich. Sie schiebt einen brandneuen, gefüllten, lauten Kinderwagen vor sich her.
Der Kinderwagen war auch nicht billig. Nichts an ihr ist billig, der enge Rock, die kleine Platinuhr, das fast perfekte Verbrechen, mit dem sie auf blond gemacht wurde, die an ihre Füsse gehauchten Ledersandalen mit den viel zu hohen Absätzen, das sorgsam, aber dennoch etwas zu auffällig aplizierte Make-up. Reste eines anderen Lebens. Hier, im Gärterplatzviertel als Treibsatz für ein quäkendes Balg auf löchrigem Asphalt, passt das alles so gut wie ein Sushi-Smart in die Serengeti.
Alle 8, 9 Jahre, nach den Schweinezyklen, erscheinen solche Trubbilder auf dem vor Hitze flimmernden Asphalt der schicken Viertel. Sie künden von Sicherheit, von Solidität und virtuosem Umgang mit dem Bügeleisen, während die Talkshow läuft. Ich bin alt genug, um den Ausbruch der letzten Phase mitbekommen zu haben. 1995, nach dem Ende der Sonderkonjunktur, raste eine Welle von Heiraten durch die Doktorandenseminare, es gab Hochzeiten und danach nie wieder etwas, denn Gleiches gesellt sich gern zu Gleichem, besonders, wenn es heimkehren kann in die Provinz und die Vorstädte. 1994 titelte Tempo: Soll ich ein Kind machen? Und wie bleibe ich lässig dabei? Idioten. Die Leser lasen es, heirateten, und statt der Tempo kauften sie lieber Max für ihn und Brigitte für sie. Hätten sie mal lieber Biller seine 100 Zeilen gegen Heiraten schreiben lassen. Bald darauf gab es kein Tempo mehr, und die Redaktion schreibt heute bei der Zeit, FAZ oder ist PopTopTotliterat. Und wird wegen einer Liebesgeschichte verboten. Shit happens, Maxim. Sie hat Tempo vielleicht noch im Gymnasium gelesen, aber dann sicher was ordentliches studiert, in der einen Hand Personalmanagement von Prof. Scholz und in der anderen Faserland von Kracht. Zwischendrin mal auch eins Sybille Berg, bis sie ihn kennenlernte, in der Firma, in der sie als Praktikantin anfing und später übernommen wurde. Eine der Firmen, in denen es sogar eine echte Quotenasiatin und einen Quotenisraeli gibt, damit alle den Eindruck haben, dass es schon jetzt ein multinationaler Konzern ist. Wo kein Kirschholztisch gezwungen wird, einen stillosen Miditower zu verbergen. Jeder trägt seine Arbeit in solchen schicken Ledertaschen mit zu dem, was früher Freizeit hiess, bevor der Begriff Afterwork beliebt wurde. Vorne aus dem Kinderwagen kommt ein prägnantes Mädchen-Quietschen, laut, nervtötend und fordernd. Sie bleibt ruckartig stehen, die Beine in Hab-Acht-Stellung, knickt den yogagestählten Körper nach vorn und fragt hinein: "Was?", in dem knappen, schneidenden Ton, mit dem sie selbst Praktikantinnen rumgescheucht hat. Das war damals, als der Börsengang noch möglich war, und sie den Illies einfach umwrfend fand. Ein Jahr später, nachdem der Laden kein HR mehr brauchte, musste sie ihr Typ gar nicht umwerfen, sie lag einfach da, und das Ergebnis kriegt gerade einen Schock fürs Leben. Wenn das Balg später mal auf den Kirchenfussboden spuckt und im nabelfreien T-Shirt Werbeagenturen zu Kirschkleinschholz bombt: Hier, jetzt und heute wurde die Ursache gelegt. Aber bis sich die Kleine the Anarchsits Cookbook bei eMule beschafft, dauert es sicher noch zwölf Jahre, denn Mama ist eine von denen, die eine richtig gute Erziehung klasse findet. Bis es soweit ist, bringt diese Entwicklung schon allein durch ihre giftige, schleichende Existenz anderen den Tod, die ihn viel weniger verdient haben. Denn jede Hochzeit sorgt dafür, dass die Zeit der Sexspiele vorbei ist. Verheiratete können es sich schlichtweg nicht leisten, Fetisch-Websites wie Rodox Erotic anzusurfen. Was, wenn die Kinder, und erst sie, oje, Unterhalt, nein danke...Das sind die wahren Katastrophen des Geschäftslebens, viel schlimmer als so ein wenig Geiz, der wenigstens noch geil ist. Bei solchen Leuten hilft einem Online-Versender auch kein Rabatt und kein Lockangebot. Nein, schlimmer, sie entdecken, dass Grossmama mit ihrer Mitgliedschaft beim katholischen Landfrauenbund nicht falsch lag und finden plötzlich Filter gut. Und überhaupt sollte man das Internet reglementieren. Und die Kinder vor dem beschhützen, was sie früher gemacht haben. Man sieht ja, wo es geendet ist, und das Piercing von 1999 bereuen sie heute noch. Und somit geben sie so einer kleinen Fetisch-Site mit ein paar lustigen Pics und kostenpflichtigen Inhalten den Rest. Nennen ihn Schmutz, obwohl sie selbst mal was mit Nieten hatten, an dem Hals, wo jetzt eine einzige Perle treudoof baumelt, aber das ist lang her. Rodox Erotic bleibt nur, sich zu verabschieden, mit einem bitteren Verweis auf all die New Kinderschützer. Ich gehe an Mama und Nachwuchs vorbei, lasse den Albtraum hinter mir, mache die Tür zu und packe die alten 90er Ärzteplatten aus. Setze den Kopfhörer auf. Ich will ja niemanden stören, seriös wie ich bin. Farin Urlaub und Bela B. singen für Rodox die Totenmesse: In einer kleinen Hütte, da wohnt sweet Gwendoline Ich klopfte an die Tür und sie liess mich herein. Sie hatte ein Kabel...... Quelle: http://www.rodoxerotic.de
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