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06:05 Montag, 02. Juni 2003
Eigentlich war es ein Tag wie aus dem Bilderbuch: Raus aus dem modernden Mief der Munich Area und rein in's Auto, Richtung Kufstein. "Aufi muaß i, aufi", wie schon Ambros sagte: "Der Berg ruaft!" Gut, zugegeben, bis zum Gipfel habe ich's nicht geschafft, aber schließlich fand ich mich dann doch in 1140m Höhe wieder. In der einen Hand ein Weißbier, vor mir ein Panorama wie auf einer Postkarte und mir gegenüber ein alter Bauer, der zwar mit Worten wie "New Economy" nichts anfangen kann, für den der "Neue Markt" der Wochenmarkt in Kufstein und die "Wirtschaft" die nächte Dorfschenke ist. Dafür ist er aber ehrlicher als ein Dutzend PR-Bunnies und Pressesprecher auf einem Haufen und hat mehr gesunden Menschenverstand als die komplette Belegschaft von 5 VCs.
Die einzige Vorhersage, die dieser Mann macht, ist das Wetter von morgen und das trifft auch ein.
"Genau diese Ehrlichkeit fehlt in der New Economy", dachte ich auf dem Rückweg, auf der A 995 kurz vor der Münchner Stadtgrenze. Statt dessen wird weiter ge-hyped und ge-pitched, daß sich die Balken biegen. Ausfahrt Oberhaching. Selbst wenn der ganze Laden die Flugeigenschaften eines fallenden Steins oder die Schwimmfähigkeit der Titanic hat. Taufkirchen zieht vorbei. Selbst wenn die Buchhalter seit Jahren die Bilanzen einfarbig rot erstellen und das verbliebene Kapital die Cash-Burn-Rate nur noch ein paar Monate decken kann. Ich ging vom Gas. Kurz hinter Unterhaching beginnen die Geschwindigkeitsbegrenzungen. 120 - 100 - 80 - 60. Selbst wenn die Umsatzentwicklung mit dieser Zahlenfolge korreliert: Alles ist gut, alles wird gut. Allenfalls einige Restrukturierungsmaßnahmen sind nötig, ein paar Mitarbeiter werden freigestellt und das Unternehmen neu re-shaped. Dann geht es wieder aufwärts. Garantiert. Versprochen. Mein Ehrenwort. Weiter durch den Mc Graw-Graben, vorbei an der alten Kaserne. Diese Kommentare kennt man, diese Beteuerungen bis zum letzten Atemzug. Selbst wenn das Damokles-Schwert bereits über ihren Köpfen hängt, selbst wenn über Ihnen bereits der Pleitegeier schwebt. In diesem Moment sah ich es: Ein dunkler Punkt am ansonsten leuchtend blauen Münchner Himmel. Kein Flugzeug. Kein Vogel. Auch kein Pleitegeier. So schnell es ging, fuhr ich rechts ran, parkte mein Auto und holte den Feldstecher aus dem Rucksack. Tatsächlich! Der Punkt am wolkenlos strahlenden Himmel war genau das, wofür ich es gehalten hatte. Das Wesen segelte anscheinend schwerelos über einem Bürogebäude in der Weißenseestraße. Durch das Fernglas betrachtet sah es fast schön aus - auf eine sehr grausame Art und Weise. Was der Punkt war, wußte ich jetzt. Aber noch nicht, warum er da war. Doch auch dieses Rätsel war schnell gelöst - nach einem Blick in die letzten Ad-Hoc-Meldungen. Darunter diese Info der Media! AG: "Derzeit befinden sich Verhandlungen mit Poolbanken und zusätzlichen Fremdkapitalgebern über ein Finanzierungskonzept in der Schlussphase, das u.a. die Verlängerung der Ende Juni 2003 auslaufenden Kreditlinien bis zum 31.3. 2004 vorsieht. Im Falle eines Scheiterns dieser Verhandlungen ist der Fortbestand der MEDIA! AG und ihrer Beteiligungsgesellschaften nicht mehr sichergestellt." Mit anderen Worten: Wenn die Banken nicht die Kredite verlängern, war's das wohl mit der Media! AG. So etwas wurde ja vor kurzem bereits von stepm angedeutet. Die anderen ausgewiesenen Zahlen wie EBIT, EBITDA, Konzernfehlbetrag etc. erspare ich mir jetzt. Zwar sind die Zahlen besser als im Vorjahr, haben aber immer noch alle das falsche Vorzeichen für eine Firma, die über- und weiterleben möchte. Aber auch dafür gibt's ein passendes Lied. Ich lege die CD ein, drücke auf PLAY und drehe die Lautstärke auf. Der Punkt am Himmel war ein Würgeengel. Ambros dröhnt aus den Lautsprechern: "Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Tot'n, da Eintritt is für Lebende heut ausnahmslos verbot'n." Und ich singe lauthals mit... Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen) |
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